Öffentlich und ergebnisoffen
Die Entwicklung der kindbezogenen Förderung erfolgte in
einem beispiellosen offenen Prozess. Noch nie wurden staatliche
Richtlinien derart transparent entwickelt und vor der Entscheidung
über ihr Inkrafttreten so eingehend erprobt. Es zeigte sich,
dass es für einen derartigen Vorgang ein hohes Maß an
Diskussionskultur braucht, die nicht immer vorausgesetzt werden kann.
Das Internet-Diskussionsforum zum Thema spiegelt Höhen und
Tiefen dieser Auseinandersetzung wider.
Das Projekt war von vornherein als offener Prozess angelegt -
offen in zweifacher Hinsicht:
- Seit Ende 1999 wird laufend für die breite
Öffentlichkeit berichtet - in Publikationen, unzähligen
Veranstaltungen und im Internet unter
www.iska-nuernberg.de/kita-bayern.
- Der Modellversuch ist ergebnisoffen. Das gilt sowohl für
das Vorgehen während der Erprobung als auch für die
anschließende politische Entscheidung.
Uns ist kein vergleichbarer Vorgang bekannt, in dem staatliche
Richtlinien mit soviel Transparenz und Beteiligung entwickelt wurden.
Aufwändige Kommunikationsaufgaben
Die Vorschläge für ein neues, kindbezogenes Fördermodell
legte das ISKA im Sommer 1999 vor. Unmittelbar darauf wurden diese
veröffentlicht und im Kreis der Spitzenverbände diskutiert.
Bis die Diskussion auf breiter Ebene unter Kindergartenleiter/innen,
Mitarbeiter/innen der Kindertageseinrichtungen, Trägern,
Bürgermeister/inne/n und Kommunalpolitiker/innen, zunehmend auch
unter Eltern in Gang kam, dauerte es etwa bis zum Jahreswechsel
2000/2001.
Die auch für die Projektbegleiter ungewohnte Offenheit der
Projektarbeit erfordert ein schier endloses Ausmaß an
Kommunikation. Ca. 6.760 Einrichtungen sind betroffen. In ihnen
arbeiten ca. 40.000 Personen, die ca. 387.000 Kinder
betreuen/bilden/erziehen, deren Eltern ebenfalls zu informieren sind
- das alles inzwischen in mehreren Kita-Generationen. In
unzähligen Veranstaltungen stellten sich die Mitglieder der
Projektgruppe der Diskussion. Trotzdem bleibt der Eindruck vom
Tropfen auf den heißen Stein.
Diskussionskultur erforderlich
Ein offener Prozess hat Voraussetzungen. Erst im Rahmen einer
gewissen Kultur der Auseinandersetzung ergeben sich produktive
Ergebnisse. Einige Hindernisse auf diesem Weg:
- Staatlichen Institutionen und Planer/innen werden oft andere
Motive unterstellt als die vorgegebenen. "Es geht ja doch nur
um Einsparung" ist das Totschlag-Argument, gegen das Aufklärung
oft gar nicht hilft. Der Prozess endet, bevor er überhaupt
beginnt.
- Im Normalfall können von öffentlichen Institutionen
fertige und durchdachte Konzepte erwartet werden. In einem offenen
Entwicklungsprozess muss jedoch anders vorgegangen werden. Hier
werden zunächst nur Vorschläge eingebracht, evtl. sogar
erprobt, ohne sie bis ins Detail auszuarbeiten bzw. festzulegen.
Dies enttäuscht viele Betroffene und viele Beobachter/innen.
Sie haben den Eindruck, die Vorschläge seien "unausgegoren",
"unfertig", "Es wurde nicht an ... gedacht" und
unterstellen u. U. entsprechende Motive ("... soll nicht
berücksichtigt werden").
- Entsprechend werden Äußerungen staatlicher
Institutionen (Sozialministerium, Jugendamt, Kindergartenaufsicht
etc.) als endgültig interpretiert. Es kam im Projektverlauf
immer wieder zu heftigen und schwer korrigierbaren
Missverständnissen, wenn "laut gedacht" wurde.
Weiterentwicklungen und Korrekturen wurden oft übersehen.
- Offen arbeiten heißt nicht "auf Zuruf steuern".
Immer wieder wurde erwartet, dass Einwände sofort zu einer
grundlegenden Umorientierung des Projektes führen.
- Das Projekt berührte viele Elemente des
Kindergartenwesens. Offensichtlich verleitete das dazu, alle
ungelösten Probleme und Verbesserungswünsche einzubringen,
in der Erwartung, hierfür Lösungen zu finden
(Verkleinerung der Gruppen, Freistellung der Leitung, erhöhter
Aufwand durch Zunahme "schwieriger" Kinder,
tarifrechtliche Forderungen etc.). Wir verbrachten sehr viel Zeit
damit, solche "Trittbrettthemen" zu diskutieren, die
jedoch nur dann vernünftig bearbeitet werden können, wenn
zusätzliche finanzielle Mittel ins Spiel kommen. Das Projekt
arbeitete jedoch mit der Rahmenvorgabe der Kostenneutralität.
Die Diskussion ist legitim, aber sie führte das Projekt selbst
nicht weiter.
- Sehr hinderlich war oft die Emotionalität der
Diskussion. "Wo kämen wir da hin, wenn Horden junger
Mütter meinen, sich profilieren zu müssen und in unsere
Einrichtungen hineinreden..." - so äußerte sich ein
Trägervertreter auf einer Veranstaltung, unterstützt von
tosendem Beifall. Es fällt manchmal schwer, in dieser
Atmosphäre bei der Sache zu bleiben.
- Schwierig sind weiterhin alles vor dem Hintergrund einer
Fundamentalopposition geführten Diskussionen. Die "sofortige
Einstellung der Erprobung des vom ISKA entwickelten Fördermodells
für Kindergärten und Horte in Bayern" forderte eine
Initiative. Was soll in diesem Zusammenhang ein offener Prozess
bewirken?
Wertvolle Diskussionsprozesse
Die Diskussionen waren schwierig, aber sie trafen wohl häufig
wunde Punkte und Versäumnisse. Viele Kenner/innen der
Kindergartenlandschaft bestätigen, dass die Diskussion um das
neue Finanzierungsmodell Bewegung in verkrustete Strukturen gebracht
hat, dass solche Träger und Einrichtungen die hier Nachholbedarf
haben, sich Gedanken um die Qualität ihrer Angebote machen und
ihre Einrichtung mehr am Bedarf der Familien (Kinder und Eltern)
ausrichten.
Internet-Diskussionsforum als Spiegel der Auseinandersetzung
Das Internet-Diskussionsforum,
das im Jahr 2000 auf dieser Seite eingerichtet wurde, spiegelt die
Diskussionen um das neue Fördermodell gut wider. Es war von
Anfang an frei zugänglich, die Texte wurden nicht zensiert und
so findet sich von der wüsten Beschimpfung bis zum konstruktiven
Beitrag das ganze Spektrum der Auseinandersetzung in seltener
Offenheit.
Aktualisiert am 27.05.2004
- Startseite
▲ nach oben