Geschichte der Tagespflegebörsen

Die Anfänge

Im Jahr 1992 führt das ISKA (Institut für soziale und kulturelle Arbeit Nürnberg) eine Studie zur Kindertagespflege in Hamburg durch (Günter Krauß & Sigrid Zauter: Kindertagespflege in Hamburg. Grunddaten der Tagespflegeverhältnisse und Faktoren der Zufriedenheit und Stabilität. Hamburg, Amt für Jugend, 1993). Insbesondere die Ergebnisse einer Repräsentativbefragung von Eltern führen – zunächst noch an den "grünen Tischen" des ISKA – zu der Idee, Tagespflege in der Art einer "Börse" zu vermitteln.

Die in der Studie festgestellten Mängel in den herkömmlichen Vermittlungsprozessen bewegen das Hamburger Amt für Jugend, ein Projekt zur Entwicklung und Erprobung neuer Formen der Vermittlung von Tagespflege zu initiieren. Die Teilnahme an diesem Projekt ist für die Bezirke freiwillig. Trotzdem ergeben sich heftige Diskussionen über das Für und Wider der Idee der "Tagespflegebörse". Anfängliche juristische Bedenken gegen das Konzept zerstreut Thomas Lakies von der Frankfurter Kommentatorengruppe zum KJHG. Schließlich entstehen zwei Börsen unter der Regie der Ämter für Soziale Dienste in Hamburg-Altona und –Wandsbek (Günter Krauß: Tagespflegebörsen. Vermittlung und Qualifizierung von Tagespflegepersonen in Hamburg-Altona, -Wandsbek und -Harburg. Hamburg, Amt für Jugend, 1996). Im Rahmen des Projektes wird umfangreiches Informationsmaterial zur Tagespflege erarbeitet. Das ISKA entwickelt den Vorläufer des heutigen PC-Programms tapfboer 3.0.

Die Wandsbeker Tagespflegebörse eröffnet im Februar, die Altonaer im Juni 1995. 1996 schließt sich der Bezirk Hamburg-Harburg dieser neuen Form der Tagespflegevermittlung an.

Im Juni 1995 wird eine weitere Tagespflegebörse in Nürnberg eröffnet - hier in freier Trägerschaft des Kinderhaus Nürnberg e.V. im Rahmen einer zeitlich auf drei Jahre befristeten Kooperation mit dem ISKA. Das Jugendamt delegiert das Arbeitsfeld der Tagespflege komplett an freie Träger. Das mit der Börse gekoppelte Qualifizierungssystem wird vom Kinderhaus Nürnberg e.V. gemeinsam mit dem Pflege-, Adoptiveltern und Tagesmütterverein betrieben.

Eine Idee setzt sich durch

Auf einer ISKA-Fachtagung ("Kindertagespflege: Notlösung oder Perspektive?") im November 1995 stellen Sigrid Zauter, Günter Krauß (beide ISKA), Albert Fütterer (Tagespflegebörse HH-Wandsbek) und Barbara Lenk (Tagespflegebörse HH-Altona) die Idee der Tagespflegebörse erstmals einer breiteren Fachöffentlichkeit vor. Es erfolgt eine sehr zwiespältige Aufnahme. Heftig vorgetragene Bedenken und begeisterte Zustimmung halten sich die Waage. Seit diesem Zeitpunkt nimmt die Zahl der InteressentInnen an einer Übernahme dieser Arbeitsform ständig zu.

Im Rahmen einer Studie des ISKA am Kinderhaus Nürnberg e.V. (1997/98) werden die NutzerInnen der hiesigen Tagespflegebörse befragt. Die Ergebnisse zeigen eine gute Akzeptanz des Arbeitsansatzes bei Eltern wie bei Tagespflegepersonen.

1997/98 wird im Rahmen eines Organisationsentwicklungsprojektes des ISKA die Tagespflegebörse des Stadtjugendamtes Hannover aufgebaut. In einer ganzen Reihe anderer Städte entstehen Tagespflegebörsen ohne die Unterstützung des ISKA. Die Stiftung Jugendmarke fördert zu diesem Zweck im Jahr 1998 den Aufbau eines Informationssystems zu dieser Arbeitsform, das schließlich in Form des Internet-Service‘ "TP-ONLINE" realisiert wird. In Hamburg übernehmen die Bezirke, die noch traditionell arbeiten, die Tagespflegebörse.

Im Frühjahr 1998 wird die neu gebaute Tagespflegebörse Altona eröffnet. Das Hamburger Architekturbüro Schmitt setzt mit einem Holz-Glas-Pavillon auf beispielhafte Art und Weise die Werte dieses Arbeitsansatzes – Bürgernähe, Transparenz, Serviceorientierung – architektonisch um.

Auf einer Fachtagung des ISKA im Juni 1998 berichten Kirsten Breitfeld (Jugendamt Hannover), Kerstin Steidtner (Kinderhaus Nürnberg e.V.) und Günter Krauß (ISKA) von den Erfahrungen aus den ersten Jahren des Betriebs der Tagespflegebörsen.

Auf dem Kongreß des Bundesverbandes "tagesmütter" im Oktober 1998 entsteht eine Kontroverse anläßlich eines Positionspapiers von Rita Rhein. Die Autorin interpretiert die Tagespflegebörsen als reines Spar-Modell und verkennt völlig mit ihnen verbundenen Qualitätssprung in der Bearbeitung der Tagespflege und der Unterstützung von Eltern und Tagespflegepersonen. Ein im Januar geführtes internes Gespräch zwischen dem Vorstand des Bundesverbandes, der Nürnberger Tagespflegeböse und dem ISKA räumt Mißverständnisse beiseite und macht klar, daß sowohl die "traditionellen" Einrichtungen der Tagespflegevermittlung als auch die Tagespflegebörsen im wesentlichen gemeinsame Ziele anstreben, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen.

Aus der Stadt aufs Land und wieder zurück

Seit September 1998 unterstützt das ISKA, finanziert durch das BMFuS und das rheinland-pfälzische Sozialministerium den Aufbau von Tagespflegebörsen in ländlichen Gebieten. In diesem Zusammenhang entsteht in den Landkreisen Bitburg-Prüm und Daun eine "mobile Tagespflegebörse", angesiedelt an den Jugendhilfestationen des Ökumenischen Erziehungshilfeverbundes. Die Jugendämter Neustadt an der Weinstraße und Landkreis Bad-Dürkheim werden gemeinsam eine "virtuelle Tagespflegebörse" mit Zugriff auf einen gemeinsamen Datenbestand betreiben. Im Rahmen der rheinland-pfälzischen Projekte werden die ersten Internet-Homepages für Tagespflegebörsen entwickelt.

Vom Dezember 1998 bis Oktober 1999 unterstützt das ISKA den Pflegekinderdienst des Bezirksamtes Berlin-Steglitz beim Aufbau einer Tagespflegebörse.

Das PC-Programm tapfboer 3.0 wird 1998 – finanziert durch die Stiftung Jugendmarke – grundlegend überarbeitet und ab 1999 kostenfrei über das Internet zur Verfügung gestellt.

Aktualisiert am 27.12.99 - © ISKA-Nürnberg - Homepage TP-ONLINE