Personalschulung

Erforderliche Kompetenzen

Welche Kompetenzen die MitarbeiterInnen einer Tagespflegebörse mitbringen oder sich erwerben sollten, ergibt sich aus den Arbeitsbereichen, die im Abschnitt "Arbeitsteilung" aufgelistet werden. An dieser Stelle seien einige Besonderheiten genannt.

Alle MitarbeiterInnen der Tagespflegebörse sollten über die in Tagespflegeverhältnissen auftretenden Situationen und Komplikationen gut informiert sein. Wichtig ist dabei eine unparteiliche Grundhaltung. Persönliche Erfahrungen mit der Tagespflegesituation (als ehemalige Nutzerin oder Anbieterin von Tagespflege) sind von Vorteil, sollten aber nicht in einer einseitigen, parteilichen Sichtweise resultieren. Die Perspektive der Eltern unterscheidet sich stark von der der Tagespflegepersonen. Die Vermittler- und BeraterInnen müssen ein Verständnis für beide Seiten mitbringen. Es macht keinen Sinn, wenn sie sich in erster Linie als Interessenvertretung für Tagespflegepersonen verstehen, oder umgekehrt nur Elterninteressen im Blick haben.

Es kann sein, daß sich am Thema Tagespflege problematische persönliche oder Familienhintergründe auftun, die dringend einer professionellen Intervention bedürfen. Eine Tagespflegebörse kann es sich nicht zur Aufgabe machen, hier selbst umfassend tätig zu werden. In diesem Fall ist es die Aufgabe der BeraterInnen einen sanften Übergang zu einem geeigneten Dienst (Erziehungsberatung, Allgemeiner Sozialer Dienst, Sozialpädagogische Familienhilfe, Heilpädagogische Tagesstätte etc.) einzuleiten. Sie sollten sich entsprechend abgrenzen können und keine Schwierigkeiten damit haben, zwischen einer "normalen" Tagespflege(krisen)beratung und einer umfassenden Familienintervention zu unterscheiden.

Die MitarbeiterInnen von Tagespflegebörsen sollten in der Lage sein, sich immer wieder durch die Anleitung von MultiplikatorInnen selbst überflüssig zu machen. Ein typisches Einsatzfeld ist die Etablierung von Tageselterngruppen. Oft kommen diese nur durch einen massiven Einsatz einer pädagogischen Fachkraft zustande. Viele entwickeln dann allerdings ein Eigenleben, aus dem sich die professionelle Beraterin getrost zurückziehen kann. Fachkräfte sollten das als Erfolg der eigenen Tätigkeit erleben und in der Lage sein, sich zurückzunehmen, um sich dem Aufbau des nächsten Unterstützungsnetzes zuzuwenden.

Fähigkeiten zur Organisation und Koordination sollten ebenso ausgeprägt wie die Kompetenz im Umgang mit Eltern und Tagespflegepersonen sein. In größeren Börsen wird man arbeitsteilig vorgehen können, in kleineren werden alle MitarbeiterInnen diese Fähigkeiten mitbringen müssen. Die Überlastung traditioneller Tagespflegedienste ist in aller Regel eine Folge ineffizienter Organisation. Tagespflegebörsen treten mit dem Anspruch an, durch eine Effektivierung der Organisation eine Verbesserung in der Dienstleistungsqualität zu erreichen.

Über allen Detailkompetenzen muß ein service-orientiertes Arbeitsverständnis stehen, das auf die Eigenverantwortung der TagespflegepartnerInnen setzt und diese fördert. Ohne dieses Arbeitsverständnis bei allen MitarbeiterInnen der Tagespflegebörse wird sich immer nur eine "Papier-Tagespflegebörse" realisieren lassen.

Wechsel im Arbeitsverständnis

Eine Reihe der erforderlichen Kompetenzen läßt sich über schriftliches Informationsmaterial erschließen. Sie finden hierzu vieles in diesem Internet-Informationsservice oder in den unter "Informationsquellen" genannten Materialien. Andere können als Ergebnis der allgemeinen sozialpädagogischen Ausbildung vorausgesetzt werden.

Schwieriger wird es mit Fragen des grundlegenden Arbeitsverständnisses. Wer Jahre und Jahrzehnte Tagespflegeberatung und –begleitung unter kontrollierenden ("Eignungsfeststellung") oder den "überbehütenden" Vorzeichen einer Art "Einzelfallhilfe" praktiziert hat, will und kann dieses Selbstverständnis nicht immer von einem Tag auf den anderen ablegen. Gelegentlich führt der Zusammenbruch der Arbeitsorganisation wegen absoluter Überlastung zu der Einsicht, daß "ganz anders" vorgegangen werden muß. Oder die Erfahrung, daß Tagespflegeverhältnisse, die nach bestem Wissen und Gewissen vermittelt wurden, trotzdem scheitern, während andere, die von der/dem VermittlerIn skeptisch beäugt wurden, zur allseitigen Zufriedenheit führen, resultiert in einer Relativierung der althergebrachten Arbeitsweise. Manche MitarbeiterInnen von Tagespflegediensten sind im Stillen unzufrieden und erkennen die Gunst der Stunde einer Reorganisation.

Häufig jedoch hat das mit der Arbeitsweise der Tagespflegebörse verbundene "Loslassen" von der (gut gemeinten) Einmischung in die Prozesse zwischen den TagespflegepartnerInnen gerade für erfahrene und engagierte MitarbeiterInnen der Tagespflegedienste der öffentlichen wie der freien Träger etwas Bedrohliches. Je nach psychischer Konstitution reagieren Betroffene einer Reorganisation nicht selten

Letzterer ist besonders unfruchtbar, da "alter Wein in neuen Schläuchen" die Verhältnisse nicht verbessert, sondern noch verkompliziert. Dieser Ausgang ist der wahrscheinlichste, wenn Tagespflegebörsen durch eine Entscheidung übergeordneter Hierarchieinstanzen "verordnet" werden, ohne auf die erforderliche persönliche Weiterentwicklung der MitarbeiterInnen Rücksicht zu nehmen.

Psychodynamischer Hintergrund der Emotionen ist nach unseren Beobachtungen die Kränkung durch den Grundgedanken der Tagespflegebörse, daß die Selbstwahl der TagespflegepartnerInnen der eigenen, professionellen Intervention überlegen sein soll. Es ist absolut nötig, diese Kränkung und die durch sie ausgelösten Aggressionen und Depressionen zu bearbeiten. Es hat keinen Sinn, diese Emotionen als unprofessionell zu ignorieren und auszugrenzen. Erst wenn sie zugelassen und in geeignetem Rahmen reflektiert werden können, besteht die Chance zu einer echten Weiterentwicklung für die Betroffenen. Und erst die persönliche Weiterentwicklung eröffnet die Möglichkeit, eine Tagespflegebörse nicht nur als Etikett zu realisieren. Nach unseren Erfahrungen bei der Organisationsberatung mit behördlichen Tagespflegediensten impliziert der radikale Perspektivenwechsel für viele MitarbeiterInnen einen geradezu therapeutischen Prozeß. Sie benötigen die Zeit und den Rahmen, ihre Arbeitshaltungen zu überprüfen und die emotionalen Widerstände zu bearbeiten. Wenn dies gelingt, dann steht auch bei einem öffentlichen Träger der Weg zu einem echten neuen Dienstleistungsverständnis frei.

Wir halten diesen Punkt für den schwierigsten bei der Umstellung eines herkömmlichen Tagespflegedienstes eines öffentlichen Trägers auf das Tagespflegebörsensystem. Eine gute Prognose haben nach unseren Erfahrungen dabei die Initiativen, die von der Basis der Mitarbeiterschaft ausgehen. Hierarchische Verordnungen haben dann eine Chance, wenn sie mit flankierenden Maßnahmen externer Organisationsentwicklung einhergehen.

Selektion statt Umlernen

Wenig Schwierigkeiten mit den Grundprinzipien der Tagespflegebörse haben in der Regel SozialarbeiterInnen/-pädagogInnen, die sich mit der Tagespflege zuvor wenig auseinandergesetzt haben. Der Gedanke, daß sich Tagespflegepersonen und Eltern im Rahmen eines transparenten Marktsystems suchen und finden, leuchtet in aller Regel jedem ein, der nicht durch die bürokratische Tradition der Tagespflege-Sozialarbeit vorbelastet ist. Ein freier Träger, der eine Tagespflegebörse neu einrichtet, kann deshalb wesenlich unbefangener als ein öffentlicher Träger agieren und schon bei der Auswahl der MitarbeiterInnen eine entsprechende Personalauswahl betreiben. Der Aufbau einer Tagespflegebörse erfolgt auf diese Weise wesentlich zügiger und reibungsloser. Allerdings hat er dann auch keine Wirkung bei der Umstrukturierung altherkömmlicher bürokratischer Strukturen.

Bericht aus einer Organisationsentwicklung

Die erste Tagespflegebösen entstanden in Hamburg-Wandsbek und –Altona im Rahmen eines Praxisforschungs-/Organisationsentwicklungsprojektes, das das Amt für Jugend (Landesjugendbehörde) initiierte und finanzierte. Der nachfolgende Auszug aus dem Bericht des Organisationsentwicklers des ISKA (Günter Krauß) spiegelt Schwierigkeiten und Chancen der Umstrukturierung wider:

Jede Diskussion im Anschluß an die Vorstellung der Modellidee rankte sich sofort um die Frage der Feststellung der Eignung von Tagespflegepersonen. Der generelle Tenor lautete zunächst, daß das vorgeschlagene Vorgehen nicht mit dem KJHG vereinbar sei. Eine Eignung der Tagespflegeperson sei im Rahmen der vorgeschlagenen Börse nicht mehr feststellbar.

Eine entscheidende Diskussionswende brachte das Fachgespräch zur Tagespflege am 14.7.1994, organisiert von der Sozialpädagogischen Fortbildung des Amtes für Jugend. Thomas Lakies, in der Frankfurter Kommentatorengruppe zum KJHG spezialisiert auf Tagespflege, bezog sehr eindeutig Stellung für die generelle Annahme einer Eignung für den Fall, daß sich Eltern und Tagespflegeperson selbst finden. In der Hochstilisierung dieses Vorgangs zum Regelfall im Rahmen einer Tagespflegebörse konnte er keine juristischen Unverträglichkeiten entdecken. In der Folgezeit spielten die juristischen Argumente denn auch kaum noch eine Rolle.

Schwerer wogen die fachlichen und organisatorisch-praktischen Argumente für die Beibehaltung einer Eignungsfeststellung:

Mit letzter Sicherheit sind die Argumente beim momentanen Wissensstand nicht zu entkräften. Trotzdem können massive Zweifel an ihrer Gültigkeit angebracht werden.

Die Befragung von Eltern mit Kindern in Tagespflege, die das ISKA 1992/93 in Hamburg durchgeführt hatte, ergab

unter Eltern, die sich die Tagespflegeperson selbst gesucht hatten, verglichen mit Eltern, die auf einen Vermittlungsvorschlag der Allgemeinen Sozialen Dienste zurückgegriffen hatten.

Wegen der recht kleinen Stichprobe sind die angestellten Untergruppenvergleiche methodisch problematisch und wurden bisher deshalb auch nicht weiter veröffentlcht. Allerdings ergibt sich doch ein konsistentes Gesamtbild. Streng genommen können die Befragungsergebnisse jedoch auch anders interpretiert werden: Es ist möglich - und hierfür gibt es durchaus auch Hinweise -, daß sich der Personenkreis, der von AS eine aktive Vermittlungsrolle wünscht, negativ von dem Personenkreis unterscheidet, der die Wahl der Tagespflegepersonen in eigene Hände nimmt. In diesem Fall bestünde die Leistung von AS darin, schlimmere Verhältnisse zu verhindern, ohne das Ausgangsdefizit jedoch völlig ausgleichen zu können.

Was die Stabilität der von AS aktiv vermittelten Tagespflegeverhältnisse angeht, könnte sich der befürchtete Effekt ("mehr Arbeit durch mehr Fluktuation") unter Umständen tatsächlich ergeben. Unter den von AS vermittelten Tagespflegeverhältnissen wurden tatsächlich überdurchschnittlich viele trotz Unzufriedenheit der Eltern aufrechterhalten. Hier wäre allerdings eine höhere Fluktuation durchaus erwünscht. Im Sinne eines kleineren Übels wäre diese immer noch besser als die Beibehaltung von Tagespflege im Kontext von Ambivalenz und Unzufriedenheit.

Im Verlauf der Diskussionen um die Wichtigkeit einer Eignungsfeststellung (bzw. in einem späteren Diskussionsstadium um die Wichtigkeit einer Zugangsvoraussezung für die Möglichkeit, sich als Tagespflegeperson an der Börse anbieten zu können) traten schließlich doch immer mehr relativierende Argumente hervor:

Argumente dieser Art gewannen schließlich die Oberhand und führten zu einer spürbaren Haltungsänderung in beiden Bezirken.

Einige interessante Seitenaspekte der Diskussion um die Eignungsfeststellung seien hier noch angesprochen:

In jedem Fall rührte die Frage nach der Eignungsfeststellung an die zentrale berufliche Identität:

Die Diskussionen in der ersten Phase des Projekts haben mit Sicherheit Arbeitshaltungen in Richtung einer Service-Orientierung und einer Stärkung des Gedankens der Elternverantwortung gestärkt bzw. verändert.

Aktualisiert am 27.12.99 - © ISKA-Nürnberg - Homepage TP-ONLINE