BHGM-Fachtag 2025 "Wenn Stärke nicht schützt" - Rückblick
Am 18. November 2025 fand in Nürnberg der Fachtag "Wenn Stärke nicht schützt" statt. Anlass war das fünfjährige Bestehen der Beratungsstelle Häusliche Gewalt gegen Männer (BHGM) des ISKA sowie der Männerschutzwohnung Riposo der Caritas Nürnberg. Seit Ende 2019 unterstützen beide Projekte Männer, die Gewalt in Partnerschaften und familiären Kontexten erleben.
Rund fünfzig Teilnehmende, darunter Fachkräfte aus den Bereichen Beratung, Polizei, Wissenschaft und Politik sowie Studierende, kamen im KOLEO zusammen. Gemeinsam wurde Bilanz gezogen, es wurden Erfahrungen ausgetauscht und Perspektiven für die Weiterentwicklung von Unterstützungsangeboten diskutiert. Die Veranstaltung war ausgebucht und zeigte deutlich das große fachliche Interesse sowie den bestehenden Handlungsbedarf.
Politische Einordnung und klare Botschaften
Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Kommune betonten die Bedeutung einer sichtbaren, verlässlichen und niedrigschwelligen Unterstützung für die fokussierte Zielgruppe. Gewalt gegen Männer dürfe kein Randthema und kein Tabu bleiben. Insbesondere im ländlichen Raum bestehen weiterhin deutliche Versorgungslücken, deren Schließung Zeit, Ressourcen und stabile Strukturen erfordert. Die zentrale Botschaft des Fachtags war klar und einstimmig - Oberbürgermeister Markus König fasste sie treffend zusammen: "Niemand darf verloren gehen".
Wissenschaftliche Perspektiven: Scham und Rollenmuster
Wissenschaftliche Beiträge machten deutlich, dass Gewalt gegen Männer häufig unsichtbar bleibt – nicht, weil sie selten ist, sondern weil Männer aufgrund von Scham, gesellschaftlichen Rollenerwartungen und stereotypen Bildern von Männlichkeit daran gehindert werden, Hilfe zu suchen. Dominik Kling gab in seinem Vortrag "(Un)Doing Shame" bedeutsame Einblicke zum Thema Männlichkeit und Scham.
Gewalt und Männlichkeit werden gesellschaftlich oft noch zu eng miteinander verknüpft. Eine stärkere Entkopplung dieser Narrative sowie ein offenerer öffentlicher Diskurs wurden von Kling als zentrale Voraussetzungen benannt, um betroffene Männer früher zu erreichen und Zugänge zu Hilfsangeboten zu erleichtern.
Dr. Ralf Puchert gab Einblicke aus seiner Forschungstätigkeit in Bezug auf die Verbreitung von Gewalt gegen Männer und den Bedarf von Betroffenen. Untermauert wurden seine Beobachtungen und Forschungsergebnisse durch seine langjährigen Erfahrungen in Forschung, Koordination und Management zu Männlichkeit sowie der Auseinandersetzung mit Gleichstellung und Gewalt im Geschlechterverhältnis. Zudem war er an der Gründung und dem Aufbau des Bundesforum Männer beteiligt.
Pucherts Forschungsergebnisse bestätigen: Angebote für Männer sind relevant, haben Erfolg und werden gut angenommen. Auch wenn die Verteilung bei häuslicher Gewalt eindeutig zulasten betroffener Frauen geht, zeigen die Zahlen, wie dringend Hilfsangebote für Männer sind und dass diese genutzt werden, wenn sie erst einmal bekannt sind.
Einblicke in fünf Jahre Praxis
Die Projektleitungen von BHGM und Riposo gaben Einblick in ihre Erfahrungen aus fünf Jahren praktischer Arbeit. Während die Männerschutzwohnung nahezu dauerhaft ausgelastet ist, steigen die Beratungszahlen kontinuierlich an. Gleichzeitig wird immer wieder sichtbar, dass viele Männer erst sehr spät Unterstützung suchen, häufig erst dann, wenn Situationen stark eskaliert sind und kaum noch allein bewältigt werden können.
Von den Teilnehmenden des Fachtags kamen zahlreiche Rückfragen zu Arbeitsweise, Zugangskriterien und Unterstützungsmöglichkeiten. Studierende interessierten sich besonders für Qualifizierungswege und Weiterbildungsmöglichkeiten. Dieses große Interesse der Teilnehmenden verdeutlichte den hohen Informations-, Vernetzungs- und Weiterentwicklungsbedarf im Bereich der Männerberatung.
Ausblick: Absicherung und Ausbau der Angebote
Neben der fachlichen Bilanz standen auch die Perspektiven und Herausforderungen im Mittelpunkt. Die bestehenden Angebote sind aktuell projektfinanziert und damit zeitlich befristet. Eine langfristige Absicherung bleibt eine zentrale Aufgabe. Ziel ist es, die Beratung und den Schutz der Zielgruppe der von Gewalt betroffenen Männer dauerhaft und flächendeckend in Nordbayern zu verankern und weiter auszubauen.
Fazit
Der Fachtag "Wenn Stärke nicht schützt" setzte ein deutliches Zeichen für die fortschreitende Sensibilisierung des Themas Gewalt gegen Männer. Gewalt sichtbar zu machen, Scham als zentrales Hindernis zu verstehen und bestehende Rollenbilder kritisch zu hinterfragen, sind wesentliche Schritte, um betroffene Männer wirksam zu erreichen und zu unterstützen. Das große Interesse und die hohe Beteiligung machen Mut, diesen Weg konsequent weiterzugehen und Schutz-, Beratungs- und Präventionsangebote nachhaltig zu stärken.





