Fachtag 2025 "Wenn Stärke nicht schützt"

Ein Mann steht vor einem Publikum und hält einen Vortrag. Eine Frau, die Moderatorin, steht neben ihm.

Philipp Schmuck, Leitung der Beratungsstelle Häusliche Gewalt gegen Männer, bei seinem Resümee zu den letzten fünf Jahren. (Foto: Tanja Elm)

18.11.2025 - „Wenn Stärke nicht schützt“ – die Beratungsstelle Häusliche Gewalt gegen Männer (BHGM) und die Männerschutzwohnung Riposo (Caritas) luden zu einem Fachtag ein. Der Anlass: Nach fünf Jahren Arbeit mit von häuslicher Gewalt betroffenen Männern lohnt es sich, ein Resümee zu ziehen.

Rund 50 Teilnehmer/innen folgten am 18. November 2025 der Einladung zum Fachtag „Wenn Stärke nicht schützt“. Veranstalter waren die „Beratungsstelle Häusliche Gewalt gegen Männer“ (BHGM) des Instituts für Soziale und Kulturelle Arbeit (ISKA) Nürnberg und die Männerschutzwohnung Riposo der Caritas in Nürnberg. Anlass war das fünfjährige Bestehen der beiden Projekte. Seit Ende 2019 unterstützen sie Männer, die Gewalt in Partnerschaften und der Familie erleben.

Das Koleo als Tagungsort

Im Koleo, der Lern- und Kreativwerkstatt des ISKA, kamen Mitarbeiter/innen von Fachberatungsstellen, Vertreterinnen der Polizei, Studierende und weitere Fachkräfte zusammen, um wissenschaftliche Erkenntnisse, Praxiserfahrungen und politische Perspektiven auszutauschen. Nach der Begrüßung durch David Schäfer (Caritas) und Philipp Schmuck (ISKA) führte BHGM-Mitarbeiterin Theresa Severloh durch das Programm.

Klare Statements der Politik

Aus München übermittelte Helen Becker, Vertreterin des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales, die Grüße der Staatsministerin Ulrike Scharf und betonte eine zentrale Botschaft: „Jeder Mensch soll frei leben können.“ Gewalt gegen Männer sei keine Randerscheinung und müsse in ganz Bayern sichtbarer werden. Besonders im ländlichen Raum gebe es noch deutliche Versorgungslücken – ein Ausbau, der Zeit und Ressourcen erfordert. Dabei betonte sie den schon laufenden Ausbau im Raum Unterfranken, der seit dem Frühjahr gegeben ist. Dort ermöglicht Mitarbeiterin Carolin Wild ein dezentrales Beratungsangebot.

Auch Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König sprach deutliche Worte: Man wolle das Thema in Nürnberg nicht tabuisieren, sondern öffentlich machen. Caritas und ISKA seien hier verlässliche Partner, um betroffenen Männern schnell und niedrigschwellig zu helfen. Mit seinem Leitsatz „Niemand darf verloren gehen!“ fasste er die politische Haltung der Stadt gelungen zusammen.

Aus der Wissenschaft: Rollenmuster und Scham als Hindernis

Wissenschaftliche Einblicke bot im Anschluss Dr. Ralf Puchert, der die Evaluation des bundesweiten Hilfetelefons „Gewalt an Männern“ leitet. Er zeigte auf, dass viele Formen der Gewalt gegen Männer nach wie vor unsichtbar bleiben, nicht weil sie selten wären, sondern weil sie gesellschaftlich kaum wahrgenommen werden. Puchert betonte die Notwendigkeit, Gewalt und Männlichkeit im öffentlichen Diskurs stärker zu entkoppeln. Scham, Rollenerwartungen und stereotype Bilder von Männlichkeit führen dazu, dass sich viele Betroffene nicht melden – selbst dann nicht, wenn eine Krise bereits erheblich eskaliert ist.

Dass Scham eine zentrale Rolle spielt, vertiefte auch der systemische Berater und Doktorand Dominik Kling in seinem Vortrag „(Un)Doing Shame“. Er zeigte, wie tief der Zusammenhang zwischen Scham und Männlichkeitsnormen verankert ist. Diese Mechanismen verhindern, dass Männer Hilfe suchen oder über eigene Gewalterfahrungen sprechen. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, warum so wenige Männer Angebote nutzen, obwohl viele betroffen sind.

Einblicke in die praktische Arbeit der Anlaufstellen

Die beiden Projektleitungen David Schäfer (Riposo) und Philipp Schmuck (BHGM) berichteten über Erfahrungen aus fünf Jahren praktischer Arbeit. Während die Männerschutzwohnung nahezu durchgehend ausgelastet war, stiegen die Beratungszahlen zunächst eher langsam, aber kontinuierlich an. Und immer wieder ist festzustellen: Viele Männer suchen erst spät Hilfe, oft nur dann, wenn die Situation kaum noch allein bewältigbar ist.

Von den Teilnehmenden des Fachtags kamen zahlreiche Rückfragen zu Arbeitsweise, Zugangskriterien und Unterstützungsmöglichkeiten. Studierende interessierten sich besonders für Qualifizierungswege und Weiterbildungsmöglichkeiten im Bereich Männerberatung.

Absicherung des Angebots als erklärtes Ziel

Neben der fachlichen Bilanz standen die Perspektiven im Mittelpunkt. Diese sind nur zugleich auch mit den Herausforderungen verbunden. Immerhin erfordert eine flächendeckende Versorgung in Bayern, besonders in ländlichen Regionen, stabile Strukturen und langfristige Ressourcen. Aktuell sind die Nürnberger Angebote durch das Staatsministerium als freiwillige Maßnahme des Freistaats Bayern projektfinanziert – eine Regelfinanzierung liegt in weiter Ferne. Trotzdem bleibt das Ziel klar: die Beratung und Unterstützung von gewaltbetroffenen Männern in ganz Nordbayern (Ober-, Mittel- und Unterfranken sowie nördliche Oberpfalz) abzusichern.

Fachtag als Zeichen der fortschreitenden Sensibilisierung

Der Fachtag zeigte eindrücklich, wie wichtig die Arbeit der beiden Projekte ist und wie groß der Bedarf ist. Gewalt gegen Männer sichtbar zu machen, Scham zu verstehen und gesellschaftliche Rollenmuster kritisch zu reflektieren, ist ein zentraler Schritt, um Betroffene besser zu erreichen. Dass außerdem ein großes Interesse an diesem Thema besteht, wurde nicht zuletzt dadurch erkennbar, dass der Fachtag ausgebucht war. So wurde mit der Veranstaltung ein deutliches Zeichen zur Sichtbarmachung der Gewalterfahrungen von Männern gesetzt. Das macht Mut, den Weg dieser Schutz- und Präventionsangebote weiterzugehen.

So erreichen Sie die Hilfestellen:

  • Männerschutzwohnung Riposo: 0911/2354137
  • Beratungsstelle Häusliche Gewalt gegen Männer: 0911/27299820
  • BHGM Unterfranken: 0151/72100315
  • Hilfetelefon Gewalt an Männern: 0800/1239900
  • Krisendienst: 0800/655 300 (telefonisch erreichbar täglich 0 – 24 Uhr)