Forschungsprojekt: Ungleiche Morgenkreise?
Morgenkreise finden in fast allen Kitas statt - auch in unserem Haus für Kinder MIO (Foto: Tanja Elm)
Wie unterscheiden sich die Interaktionen in Morgenkreisen in verschiedenen Kindertageseinrichtungen? Wie unterscheiden sich diese Interaktionen je nach der Zusammensetzung des sozialen Hintergrundes der Kinder? Um diese Fragen geht es in dem ethnographisch angelegten Forschungsprojekt.
Ethnographische Forschung basiert häufig auf Beobachtungen. Derartige Studien können wichtige Bausteine für das Verständnis dafür sein, wie sich Bildungsungleichheiten im Kindergarten darstellen.
Forschungsdesiderat im deutschsprachigen Raum
Es gibt bereits einige Untersuchungen, die Hinweise darauf liefern, dass sich Interaktionen in Kitas stark voneinander unterscheiden, je nachdem, welchen sozialen Hintergrund die Kinder haben (siehe Studien). Das betrifft sowohl die Interaktionen der Kinder untereinander, aber auch die Interaktionen der Fachkräfte mit den Kindern. Es gibt allerdings bislang kaum derartige Studien im deutschsprachigen Raum.
Interaktion in Morgenkreisen unterscheidet sich deutlich
Morgenkreise finden in den meisten Kindertageseinrichtungen täglich statt, unterscheiden sich aber in ihrer Durchführung zum Teil sehr stark voneinander. Wie sich solche Unterschiede darstellen, je nachdem welchen sozialen Hintergrund die Kinder in den Gruppen haben, wurde bisher noch nicht erforscht. An dieser Forschungslücke knüpft das Projekt an. Der Morgenkreis dient dabei als Beispiel für eine Interaktionssituation im Kindergartenalltag, die sich gut für einen Vergleich zwischen verschiedenen Kitas eignet.
Methodik: Nicht-teilnehmende Beobachtung und vergleichende Analyse
Dafür hat der wissenschaftliche Mitarbeiter Kristian Krauß Morgenkreise in verschiedenen Nürnberger Kitas besucht. Die Einrichtungen unterscheiden sich hinsichtlich der Zusammensetzung des sozialen Hintergrundes der Kinder voneinander. Die Daten werden während nicht-teilnehmender Beobachtungen gewonnen, d.h. das Geschehen wird beobachtet und schriftlich dokumentiert. Im Anschluss an die Beobachtungen wird das schriftliche Datenmaterial vergleichend analysiert. Die konkreten Vergleichssaspekte ergeben sich zum einen aus bestehenden Studien und Theorien zu sozialen Ungleichheiten, zum anderen aus den gesammelten Daten selbst.
Zentrale Ergebnisse
Die Analyse zeigt, dass sich Interaktionen im Morgenkreis je nach Einrichtung deutlich voneinander unterscheiden. Dies betrifft sowohl das Verhalten und die Beteiligung der Kinder als auch das Handeln der pädagogischen Fachkräfte und die Struktur der Morgenkreise insgesamt.
In der Einrichtung mit überwiegend sozioökonomisch privilegierterem Hintergrund verläuft der Morgenkreis überwiegend ruhig und routiniert. Kinder beteiligen sich häufiger eigenständig und übernehmen Aufgaben wie die Moderation des Morgenkreises. Zudem erhalten die Kinder Gelegenheiten, in denen sie ihre Gedanken ausführen, sich darstellen und vor der Gruppe präsentieren können. Diese Beiträge der Kinder werden von den Fachkräften aktiv aufgegriffen, indem sie Rückfragen stellen und daran anknüpfen.In der Einrichtung mit stärker benachteiligtem und zugleich sprachlich diverseren Hintergrund ist der Ablauf stärker durch direkte Steuerung geprägt: Fachkräfte geben Inhalte und Abläufe vor, greifen häufiger korrigierend ein und sprechen die Kinder eher als Gruppe an. Individuelle Beiträge sind seltener und kürzer, die Beteiligung der Kinder erfolgt überwiegend im Mitmachen vorgegebener Aktivitäten.
Die Beobachtungen sind aufgrund der geringen Fallzahl zwar nicht repräsentativ für alle Einrichtungen, weisen jedoch in eine ähnliche Richtung wie bestehende Forschung. Sie legen nahe, dass Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft bereits im Kindergarten unterschiedliche Kompetenzen und Formen der Beteiligung zeigen und zugleich ungleich verteilte Lerngelegenheiten vorfinden.
Damit deutet sich an, dass Ungleichheiten auch in den alltäglichen Interaktionen und Routinen der Einrichtungen weiter verstärkt oder verfestigt werden können.