Vorschulalter und Übergang Grundschule

Bildungsbenachteiligung entsteht nicht erst in der Schule. Die Lebenswelt von Kindern aus Familien mit niedrigem Bildungsniveau und / oder geringen finanziellen Ressourcen unterscheidet sich deutlich von der Lebenswelt von Kindern aus Familien mit mehr Ressourcen. Dies wirkt sich auch auf die Kompetenzen im frühkindlichen Alter aus.

Schlechteres Satzverständnis und geringere Kenntniss von Buchstaben im Vorschuljahr

Für den erfolgreichen Schriftspracherwerb und weitere schulische Leistungen ist ein umfassender Wortschatz und das Verständnis für grammatikalische Strukturen sehr wichtig (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2014, S. 60). Die Autoren des Bildungsberichts 2014 gingen mit Hilfe der Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) der Frage nach, inwieweit sich Unterschiede der Sprachkompetenzen bei Vorschulkindern messen lassen. Schon im Vorschulalter zeigen sich Differenzen zwischen Kindern aus bildungsfernen und Kindern aus bildungsnahen Milieus:

  • Kinder von Eltern mit geringer schulischer Bildung (maximal Hauptschulabschluss) erreichten durchschnittlich jeweils 45 Punkte im Bereich Rezeptiver Wortschatz und grammatikalische Kompetenzen.
  • Kinder aus Elternhäusern mit hohen Schulabschluss ((Fach-)Hochschulsreife) erlangten jeweils 54 Punkte.

Besonders die Familiensprache führt zu deutlichen Kompetenzunterschieden:

  • Kinder mit nicht-deutscher Familiensprache erhielten durchschnittlich nur noch 38 Punkte im Bereich Wortschatz und 41 Punkte im Bereich Grammatik.
  • Kinder mit deutscher Familiensprache erreichten jeweils 52 Punkte (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2014, S. 60-61).

Die BIKS Studie belegt ebenfalls den Zusammenhang der sprachlichen Kenntnisse und Fertigkeiten von Vorschulkindern und den Schulabschlüssen der Mütter. In einer Aufgabe sollten Kinder vorgegebenen Sätzen passende Bilder zuordnen. Maximal konnten die Kinder 48 Punkte erreichen. Kinder von Müttern mit Abitur erreichten durchschnittlich 40 Punkte, Kinder von Müttern mit Mittlerer Reife 39 Punkte und Kinder von Müttern mit höchstens Hauptschulabschluss 37 Punkte.

In einer weiteren Aufgabe wurden den Kindern 26 Buchstaben durcheinander präsentiert. Die Kinder sollten die Buchstaben richtig benennen. Die Kinder von Müttern mit Abitur kannten durchschnittlich 14 Buchstaben, Kinder von Müttern mit Mittlerer Reife 12  und Kinder von Müttern mit Hauptschulabschluss 11 Buchstaben (Kotzerke u.a., 2013, S. 117-119).

Erhöhte Sprachförderbedürftigkeit

Innerhalb der Elternbefragung des NEPS zeigte sich außerdem, dass 35% der 5-jährigen Kinder aus einem Elternhaus mit niedrigem Bildungsabschluss in einem Sprachtest als förderbedürftig diagnostiziert wurden. Dagegen wurden 27% der Kinder aus Elternhäusern mit mittlerem Bildungsabschluss und nur 14% der Kinder aus einem Elternhaus mit hohem Bildungsabschluss als förderbedürftig eingestuft (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2014, S. 62).

Kindern wird seltener vorgelesen

Die niedrigeren Sprachkompetenzen stehen im Zusammenhang mit der Förderung zu Hause. Analysen der Daten des Projekts EVES belegen die Zusammenhänge zwischen dem elterlichen Bildungsniveau und der Vorlesehäufigkeit im Vorschulalter:

  • 75% der Angehörigen der Oberen Dienstschicht (z.B. freie akademische Berufe, führende Angestellte etc.) geben an, ihrem Kind täglich vorgelesen zu haben, als dieses selbst noch nicht lesen konnte.
  • Dagegen haben nur 30% der Mütter und 44% der Väter, die im Bereich der Routinedienstleistungen tätig sind, ihrem Kind täglich vorgelesen (Schick u. a., 2006, S. 29-30).

Durch weitere Analysen von EVES konnte festgestellt werden, dass je nach Familienhintergrund gemeinsames Lieder singen, Brett- oder Gesellschaftsspiele spielen, gemeinsames Puzzeln und Geschichten erzählen unterschiedlich häufig ausgeübt wird. Dabei spielt sowohl die Bildung, aber vor allem das kulturelle Kapital der Eltern (z.B. das Lesen von Büchern, Zeitung, E-Mails oder die Nutzung des Internets) eine entscheidende Rolle: Je höher der formelle Bildungsgrad bzw. das kulturelle Kapital der Eltern ist, desto häufiger werden die genannten Aktivitäten in den Familien durchgeführt (Klein, Biedinger, 2009, S.13ff.).

Geringere Nutzung zusätzlicher Freizeit- und Bildungsangebote

Die Daten von NEPS belegen unterschiedliche Muster der Freizeitgestaltung von sechsjährigen Kindern. Demnach werden Sportangebote von

  • 52% der Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss,
  • 70% der Kinder von Eltern mit mittlerem Bildungsabschluss und
  • 84% der Kinder von Eltern mit hohem Bildungsabschluss besucht.

Die Nutzung von Musikschulen oder frühkindlicher Musikerziehung unterscheidet sich noch deutlicher. Diese Angebote werden in Anspruch genommen von:

  • 8% der Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss,
  • 25% der Kinder von Eltern mit mittlerem Bildungsabschluss und
  • 43% der Kinder von Eltern mit hohem Bildungsabschluss.

Sprachkurse zur Erlernen einer Fremdsprache nutzen

  • 18% der Kinder von Eltern mit niedrigem Bildungsabschluss,
  • 24% der Kinder von Eltern mit mittlerem Bildungsabschluss und
  • 30% der Kinder von Eltern mit hohem Bildungsabschluss (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2014, S. 49 und Tab. c1-7web).

Ein anregungsreiches häusliches Umfeld sowie die spezifische Förderung der Eltern haben einen signifikant positiven Effekt auf die Kompetenzentwicklung (Stamm, 2004, S. 42). Durch die Differenzen in der Freizeitgestaltung kombiniert mit einer späteren institutionellen Bildung und Betreuung werden Kinder aus bildungsfernen Milieus schlechter auf die Anforderungen in der Schule vorbereitet als die gleichaltrigen bildungsnahen Kinder. Diese Wissens- und Kompetenzunterschiede lassen sich kaum einholen und werden in der Grundschulzeit weiter verstärkt

Erhöhte Wahrscheinlichkeit der Rückstellung vom Schulbesuch

Analysen des DJI-Kinderpanels von Betz belegen, dass die Rückstellungswahrscheinlichkeit vom Schulbesuch für Kinder aus bildungsfernen Milieus deutlich erhöht ist (Betz, 2008, S. 240-242). Betz unterscheidet in den Analysen zwischen vier Milieus. Die Familien im Milieu 1 verfügen über die niedrigsten Schul- und Ausbildungsabschlüsse (z.B. 58% der Mütter haben keinen Ausbildungsabschluss) sowie über das geringste Familieneinkommen. Die Familien im Milieu 4 verfügen über die höchsten Bildungsabschlüsse (z.B. haben rund 70% der Väter und Mütter Abitur) und über ein vergleichsweise hohes Familieneinkommen (Betz, 2008, S.232-236 und S. 238ff.). Die Unterschiede zeigen sich wie folgt:

  • 14% der Kinder aus dem Milieu 1 aber nur
  • 3% der Kinder aus dem Milieu 4 werden vom Schulbesuch zurückgestellt.

Kinder aus bildungsfernen und armen Familien werden somit etwa 5x häufiger zurückgestellt als Kinder aus bildungsnahen und einkommensreichen Elternhäusern (Betz, 2008, S. 241).

Kinder aus bildungsbenachteiligten Milieus profitieren besonders vom Kita-Besuch

Kindertageseinrichtungen können einen wichtigen Beitrag für die Chancengleichheit leisten. Sie fördern genau die Kompetenzen, die für einen erfolgreichen und frustfreien Start in die Schule notwendig sind. Studien belegen, dass gerade Kinder mit Migrationshintergrund und bildungsfernem Hintergrund besonders von der frühkindlichen Förderung in Kindertageseinrichtungen profitieren.

Rückstellungswahrscheinlichkeit wird durch Kita-Besuch reduziert

Ein langer Besuch der Kindertageseinrichtung, welcher am besten schon im Krippenalter beginnt, führt erwiesenermaßen dazu, dass sich die Rückstellungswahrscheinlichkeit von benachteiligten Kindern stark reduziert (Kratzmann / Schneider 2008; BASS 2008).

Deutschförderbedarf wird durch Kita-Besuch reduziert

Kinder mit Migrationshintergrund profitieren vor allem von einer Förderung ihrer Deutschkenntnisse. Ein bei Schuleingangsuntersuchungen festgestellter Deutschförderbedarf lässt sich durch einen langen Kindergartenbesuch verringern (Becker / Biedinger 2010).

Noch im Erwachsenenalter messbare positive Effekte

Eine der wohl bekanntesten Studien zur Bildungsgerechtigkeit ist die Evaluation des Perry School Projekts. In den 1960er Jahren wurden in den USA Vorschulkinder und deren Familien mit Hilfe dieses Programms besonders unterstützt. Eine Langzeituntersuchung beweist, dass diese Personen heute seltener arbeitslos oder kriminell sind als Menschen, die zwar aus einem ähnlichen sozialen Umfeld stammen, aber nicht diese Förderung als Kind erhalten haben (Heckmann, 2000).

Gleichzeitig seltenere Nutzung von Betreuungsangeboten

Die Daten des Nationalen Bildungspanel (NEPS) belegen, dass gerade Kinder aus bildungsbenachteiligten Milieus später die Angebote der institutionellen, außerfamiliären Betreuung nutzen. Das durchschnittliche Einstiegsalter in außerfamiliäre Betreuung (Tagespflege oder Kita) liegt

  • bei 2,0 Jahren bei Kindern von Eltern mit hohem Abschluss,
  • bei 2,4 Jahren bei Kindern von Eltern mit mittlerem Abschluss und
  • bei 2,9 Jahren bei Kindern von Eltern mit niedrigem Abschluss (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2014 S. 48 und Tab C1-6web).

Die Nutzung von Kindertageseinrichtungen und der Tagespflege bei unter 3-Jährigen unterscheidet sich dementsprechend deutlich, wie eine Analyse der Daten der KiFöG-Länderstudie vom Jahr 2012 zeigt. Demnach besuchen 

  • 31% der unter 3-jährigen Kinder von Eltern mit (Fach-) Hochschulreife,
  • 22% der unter 3-jährigen Kinder von Eltern mit mittlerem Abschluss und
  • 19% der unter 3-jährigen Kinder von Eltern mit maximal Hauptschulabschluss

eine Kita oder Angebote der Tagespflege.

Dabei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern: In ostdeutschen Ländern werden traditionell sehr viele Kinder unter 3 Jahren betreut (51%). Die Betreuungsquoten unterscheiden sich dort weniger nach Familienhintergrund. In den westdeutschen Bundesländern zeigen sich dagegen deutliche Unterschiede. In Bayern werden beispielsweise nur 13% der unter 3-jährigen Kinder von Eltern mit maximal Hauptschulabschluss betreut, während 29% der Eltern mit (Fach-) Hochschulreife einen Betreuungsplatz innehaben. Ähnlich gravierend sind die Unterschiede in Hessen, in Niedersachsen und im Saarland (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2014, S. 56 und Tab C3-8web).