Integrative Kitas

von Gudrun Steinack am 23. Juni 2004 um 19:07 Uhr

Dies wird ein längerer Beitrag, der jedoch durch die Brisanz der Ereignisse gerechtfertigt ist. Waren die Berichte der Kolleginnen aus dem Bereich der Modellregion Landsberg/ Lech beim Integrationssymposium schon ernüchternd, was die Zukunft der Integrationseinrichtungen betrifft, so bestätigt der Bericht aus dem Landsberger Tagblatt vom 17.06.04/LT Nummer 137 „ In Scheuring notiert“ alle Befürchtungen bezüglich der neuen Finanzregelung der Kindertagesstätten als vor allem marktorientiertes Instrument der Kindertagesstättenpolitik. Berichtet wird über die Scheuringer Gemeinderatssitzung vom 15. Juni.
Top 1 war die Beschwerde eines Gemeinderats, (Zitat aus der Zeitung) „ wie es sein könne, das am Tag eines Fußballländerspieles im Rahmen der Fußballeuropameisterschaft eine Gemeinderatssitzung abgehalten werden müsse.“ Der Rat entschied, die Sitzung zu beschleunigen. ( Zitat Ende).
In dieser beschleunigten Sitzung wurde der Beschluss gefasst,, eine von vier Kindergartengruppen- nämlich die Integrationsgruppe- wegen zurückgegangener Anmeldungen aufzulösen. Die“ Integrationskinder „werden auf die verbliebenen drei Gruppen a 25 Kinder verteilt, Fachdienste kommen dann einmal pro Woche zu diesen Kindern. In der Zeitung wurde noch erwähnt, daß bereits in der letzten Gemeinderatssitzung diesbezüglich ein Beschluß gefasst wurde, der - nach unseren Recherchen - infolge des Fehlens eines Gemeinderats, in einem Patt auslief zugunsten der bislang noch bestehenden Kindergartengruppe.
Unsere Recherchen ergaben,
1. die Integrationsgruppe mit 15 Kindern hat 5 Kinder mit unterschiedlichen Behinderungsarten
2. Kindergartenpersonal und Eltern stehen hinter der I- Gruppe
3. Die gebuchte Zeit der Eltern beträgt 4 Stunden- d.h. die Öffnungszeit der Gruppe ist 4 Stunden
4. Die Pflegeentgelte sind niedrig- sie entsprechen dem Pflegeentgelt für Einzelintegration
5. Die zweite pädagogische Kraft ist 12 Stunden angestellt

Diese Gemeinderatsentscheidung demonstrierte ein Merkmal der neuen Finanzregelung: Deregulierung und Trägerverantwortung, deren Akzentuierung ausschließlich marktgesteuert ist- nämlich reine Orientierung an den Zahlen der zukünftigen Anmeldungen. Pädagogische und gesellschaftliche Überlegungen waren nicht gefragt. War auch zu wenig Zeit. Riefe doch das Fußballspiel Deutschland- Lettland.
Aber wollen wir das? ( Bayrische Verfassung: Kinder sind unser höchstes Gut!)
Integrationsarbeit ist Bildungsarbeit für alle und Prävention gegen Gewalt!
In diesen Lebensräumen können Kinder auf ihre und unsere gemeinsame Zukunft vorbereitet werden, denn durch die soziale Vielfalt in ihrer Kindergruppe erleben sie tagtäglich, wie sie in Beziehung zu einer Welt treten können, in der es Reibungen, Brüche, Unvollkommenheiten gibt und in der man trotzdem vernünftig und in Wertschätzung füreinander miteinander leben kann.
Gefordert und gestärkt werden durch gemeinsame Erziehung aller Kinder Schlüsselqualifikationen wie Soziale Kompetenz, Flexibilität, Resilienz, sozialer und intellektueller Ideenreichtum, Kreativität, Kritikfähigkeit- Basiskompetenzen, wie sie so treffend im BEP beschrieben sind.
Doch:
Wie soll gemeinsame Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung in einer Gruppe mit 25 Kindern und der üblichen personellen Besetzung geleistet werden. können?
Was passiert, wenn durch Zuzug neuer Einwohner noch Kinder zusätzlich aufgenommen werden müssen?
Wie sind die Qualitätsmerkmale an die Gewährung des Faktors 4,5?
Mit Recht müssen I- Gruppen bislang außerhalb der Modellregionen mindestens 6 Stunden geöffnet sein, weil diese pädagogische Herausforderung gemeinsamer Zeit braucht, um pädagogische Prozesse zu beobachten, behutsam anzustoßen und weiterzuentwickeln.
Wie schaut es in einer Regelgruppe mit I- Kindern aus mit der im BEP geforderten und zu bejahenden Verschränkung von Heilpädagogik und allgemeiner Pädagogik, der interdisziplinären Zusammenarbeit. ?

Frau Ministerin Stevens schrieb mir am 13.11.02: „Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Ergebnisse der PISA- Studie unseren Ansatz bestätigen, qualitative Aspekte und Förderung zu verknüpfen.“ und“ Dabei betrachte ich es als selbstverständlich, daß der Hauptgedanke der Integration, nämlich das gleichberechtigte Miteinander von Kindern mit und ohne Behinderung, in Einrichtungen, die integrativ arbeiten, weiterverfolgt wird.“ Und in einem Brief vom 31.03.03 zu den bestehenden Rahmenbedingungen“ Diese Rahmenbedingungen werden sich durch die Einführung eines neuen Finanzierungsmodells keinesfalls verschlechtern“.

Meiner Meinung nach liegt der Unterschied der Pisa- erfolgreichen Länder und Deutschland darin, daß in diesen Ländern Kinder, öffentliche Erziehung, Erzieher und Lehrer gesellschaftlich eine hohe Wertschätzung erhalten.
Diese Wertschätzung erlaubt die Frage: was brauchen Kinder? dieAntworten in „ Denkfabriken“ zu formulieren, die Ergebnisse dann politisch umzusetzen. ( Rainer Domik in seinen Vorträgen zum finnischen Unterrichtssystem und über das Unterrichtsamt in Helsinki- November 2003 in der Hans-Seidel-Stiftung München).

Auch wir haben diese Vordenker, z.B. Prof. Fthenakis und den Chef von Mc Kinsey, Jürgen Kluge, der in seinem Buch über die deutsche Bildungsmisere schreibt, dass es auf den Anfang ankomme und sich die Investitionen in Kindergärten und Vorschule am höchsten verzinsen.
Man hätte diese Herren und Erzieherinnen in die Moko einladen sollen. Dann hätten sich die Lösungen tatsächlich an den Bedürfnissen der uns anvertrauten Kinder orientieren können.



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