Elternbefragung: Häufige Bedenken

Einrichtungen, die noch keine Elternbefragung durchgeführt haben, äußern oft prinzipielle Bedenken. Einige typische Argumente, die uns an den Modellstandorten in der Anfangszeit begegneten, seien hier zur Diskussion gestellt.

 

"Eltern können die Arbeit einer Kindertageseinrichtung doch gar nicht beurteilen."

Im Hinblick auf manche Themen (z.B. pädagogischer Art) stimmt dies sicher. Anderes wiederum können sie eher besser beurteilen als alle anderen: die Wirkung des Einrichtungsbesuchs auf das eigene Kind, die Art und Weise, wie Eltern informiert werden, die Atmosphäre des Umgangs mit den Eltern, die Öffnungszeiten im Hinblick auf die zeitlichen Rahmenbedingungen der Familie usw. Eine Elternbefragung sollte vor allem die Themen abfragen, die Eltern gut beantworten können.

Wir sind gewohnt, auch in anderen Bereichen entsprechend zu urteilen. Ein/e Nicht-Mediziner/in wird zwar die Korrektheit der Diagnose eines Arztes oder die Qualität eines Therapieverfahrens schlecht einschätzen können. Aber als Patient/in kann er/sie sehr wohl beurteilen, wie gut der Arzt zuhört und auf den Betroffenen eingeht - sogar besser als jede/r andere.

"Die Wahrnehmung der Eltern ist doch immer subjektiv."

Das stimmt. Aber genau darauf kommt es an. Elternbefragungen sind kein Instrument zur Feststellung eines objektiven Standards, sondern ein Instrument der Rückmeldung: Wie sehen Eltern "ihre" Kindertageseinrichtung? Was nehmen sie wahr? Was finden sie gut, was weniger gut?

Auch hier kann der Vergleich mit der Arzt-Patienten-Situation die Situation klären: Ist die "subjektive" Kritik eines Patienten, er fühle sich vom Arzt nicht ernst genommen, deswegen wertlos, weil der Arzt eine anerkannte Kapazität ist und "objektiv" medizin-technisch hervorragend arbeitet?

"Eltern beurteilen die Einrichtung doch immer aus der eigenen, engen Perspektive."

Auch das stimmt sicher oft. Es ist deshalb wichtig, alle Eltern zu befragen und sich nicht mit den gelegentlichen Rückmeldungen Einzelner zu begnügen. Auch hier gilt es, die Ergebnisse einer Elternbefragung nicht mit dem Anlegen objektiver Maßstäbe zu verwechseln. Auch stark egozentrische Argumentationen können Anlässe für fruchtbare Gespräche sein. Vielleicht zeigt sich im Rahmen einer Elternbefragung aber auch, dass viele Eltern zu wenig über die Situation anderer Familien oder über die Situation in der Kindergruppe informiert sind.

"Wir haben eine staatlich anerkannte Ausbildung. Wir brauchen uns keiner Bewertung mehr stellen."

Jeder Berufsgruppe, die Dienstleistungen erbringt, steht es gut an, sich darum zu kümmern, wie die eigene Arbeit wahrgenommen wird. Es zeugt von Souveränität und Selbstbewusstsein, solche Rückmeldungen einzuholen und bei der weiteren Arbeit zu berücksichtigen. Dies ist sogar ein gutes Mittel, den eigenen Berufsstand in der Öffentlichkeit aufzuwerten.

"Wir können doch nicht alle Wünsche der Eltern erfüllen."

Dies ist völlig richtig. Es wäre eine unsinnige Konsequenz, es allen recht machen zu wollen. Zum einen widerspricht sich einiges und zum anderen gibt es mit Sicherheit Dinge, die man - vor einem pädagogisch-fachlichen Hintergrund - selbst einer Mehrheit von Eltern entgegenhalten sollte. Elternbefragungen sind wichtig, um die Wahrnehmungen und Wünsche der Eltern zu erfahren. Sie sollten sehr ernst genommen werden. Jemanden ernst zu nehmen heißt aber nicht, alles zu tun, was der andere möchte. Vergleichbares gibt es in der Kinderpädagogik: ein Kind ernst nehmen heißt nicht, "grenzenlos" zu arbeiten. Einrichtungen sollten allerdings gut begründen (können), wenn sie Bedürfnissen und Wünschen von Eltern nicht nachkommen. Vielleicht trägt diese Begründung dazu bei, unrealistische oder unangemessene Ansprüche gerade zu rücken - auch ein wichtiger Effekt von Elternbefragungen.

"Eltern haben doch nur ihre eigenen Interessen im Auge. Und wer denkt an die Kinder?"

Das stimmt in der Regel sicher nicht. Forschungsergebnisse und Elternbefragungen zeigen, dass Eltern die Qualität einer Einrichtung sehr stark danach beurteilen, ob ihr Kind die jeweilige Einrichtung gerne besucht oder nicht. Umgekehrt kennen nicht wenige Kindertageseinrichtungen die Situation der Eltern zu wenig und beziehen sie in ihre Arbeit zu wenig ein. Dass im Einzelfall Eltern Entscheidungen gegen die Interessen der Kinder treffen, kommt vor. In diesen Fällen ist es die Aufgabe des pädagogischen Personals, im Interesse der Kinder korrigierend auf die Eltern einzuwirken. Ein Argument gegen eine Elternbefragung lässt sich daraus nicht ableiten - ganz im Gegenteil. Je besser die Sichtweisen der Eltern bekannt sind, umso besser lässt sich auch mit der jeweiligen Familie - Eltern und Kind - arbeiten.

"Elternbefragungen verleiten doch nur dazu, Querulanten Raum zu geben."

Jede Einrichtung kennt Eltern, die nur schwer zufrieden zu stellen sind, die sich allen vernünftigen Vorschlägen widersetzen und die mit ihrer destruktiven Kritik Zeit und Energie kosten. Bei der großen Zahl der Betroffenen wird es das immer geben. Elternbefragungen können hier eine gewisse Ventilfunktion haben. Außerdem können sie helfen, überzogene Ansprüche zu relativieren. Es kann sehr hilfreich sein - bei der Auseinandersetzung mit Eltern, aber auch bei der Selbsteinschätzung des pädagogischen Teams - , wenn bei einer Elternbefragung überzogene Ansprüche auch als Einzelmeinung sichtbar werden. Wenn sie Tag für Tag lautstark vorgebracht werden, entsteht oft der Eindruck "die Eltern" haben sich gegen die Einrichtung verschworen. Bei einer Befragung kommen auch die zu Wort, die stillschweigend mit der Arbeit des pädagogischen Teams einverstanden sind.

"Elternbefragungen führen dazu, dass Konflikte hochgespielt werden."

Tatsächlich kann es sein, dass Elternbefragungen schwelende Konflikte ans Tageslicht bringen. Wenn dies der Fall ist, sollte das pädagogische Team allerdings ein großes Interesse daran haben, diese zu bearbeiten. Unter dem Teppich sind Konflikte in aller Regel viel brisanter als bei einer offenen Auseinandersetzung. Nicht alles lässt sich konstruktiv regeln, aber als Grundregel macht es Sinn, im Zweifelsfall schnell und offen zu reagieren.

Aktualisiert am 25.05.2004 - Startseite           ▲ nach oben