Normwerte für Sondersituationen

Der empfohlene Anstellungsschlüssel (derzeit 1:10) sowie der Mindestanstellungsschlüssel (derzeit 1:12,5) ist für den Fall einer Platzreduktion und/oder einer Personalaufstockung, z. B. bei einer integrativen Einrichtung nicht sinnvoll anwendbar. Hier sind andere Personal-Kind-Relationen üblich und geboten.

 

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, um Normanstellungsschlüssel für Sondersituationen zu konstruieren:

Der große Nachteil der ersten Möglichkeit besteht in der Abstraktheit ihrer Aussage. "Auf eine Personalstunde entfallen 10 gewichtete Zeitstunden" ist nur denjenigen verständlich, die sich bereits intensiv in die Materie eingearbeitet haben. Umgekehrt würde bei der Festlegung besonderer Normen für integrative Einrichtungen sehr deutlich, dass in diesen Einrichtungen mit einem deutlich besseren Anstellungsschlüssel zu arbeiten ist als in nicht-integrativen Einrichtungen. Wir empfehlen deshalb, einrichtungsbezogene Normwerte festzulegen. Die Festsetzung einer einrichtungsbezogenen Norm wäre die Aufgabe der Aufsichtsbehörde, die hierfür rechnerische Entscheidungsregeln an die Hand bekäme.

Formel zur Berechnung einrichtungsbezogener Normanstellungsschlüssel

Um beim empfohlenen bzw. beim Mindestanstellungsschlüssel die Reduktion um eine bestimmte Zahl von Kindern zu berücksichtigen, kann folgende Formel angesetzt werden:

Ae = Einrichtungsbezogener Anstellungsschlüssel
A = allgemeiner Normanstellungsschlüssel (10 bzw. 12,5)
r = Zahl der Kinder, um die reduziert werden soll
n = Zahl der Kinder in der Einrichtung (nach der Reduktion)

Beispiel: In einer eingruppigen Einrichtung ist die Zahl der Kinder um 10 abzusenken (15-Kinder-Gruppe). Es errechnet sich ein einrichtungsbezogener empfohlener Anstellungsschlüssel Ae von 1:6 und ein einrichtungsbezogener Mindestanstellungsschlüssel Am von 1:7,5.

Personalaufstockung

Der einfachste Weg, die Personalaufstockung zu berücksichtigen, besteht darin, diese rechnerisch wie eine Absenkung der Gruppenstärke um 12,5 Kinder zu behandeln. - Der Wert ergibt sich aus der in Bayern üblichen Personal-Kind-Relation in Höhe von 2:25.

Beispiel: In einer 25-Kinder-Gruppe ist das Personal um eine Kraft aufzustocken. Es erreichnet sich ein einrichtungsbezogener empfohlener Anstellungsschlüssel von 1:6,7 und ein einrichtungsbezogener Mindestanstellungsschlüssel von 1:8,3.

Platzreduktion kombiniert mit Personalaufstockung

Bei integrativen Gruppen ist sowohl eine Reduktion der Zahl der Kinder als auch eine Personalaufstockung üblich und geboten. Kombiniert man die Platzreduktion mit der Personalaufstockung, so sind die addierten Reduktionswerte in die Formel einzusetzen.

Beispiel: In einer eingruppigen integrativen Einrichtung ist die Zahl der Kinder von 25 auf 15 zu reduzieren und eine dritte Zusatzkraft einzustellen. Der in die Formel einzusetzende Reduktionsfaktor in Höhe von 22,5 ergibt sich aus der Addition von 10 (Reduktion der Kinderzahl) und 12,5 (eine Zusatzkraft).

Einrichtungen ohne Gruppenorganisation

Die beschriebene Formel kann unabhängig davon angewandt werden, ob die Einrichtung in Gruppen organisiert ist oder nicht.

Beispiel: In einer Einrichtung mit 37 Kindern ist die Zahl der Kinder um 10 reduziert und eine zusätzliche Kraft bereitgestellt. Der empfohlene Anstellungsschlüssel liegt bei 1:6,2, der Mindestanstellungsschlüssel bei 1:7,8.

Einrichtungsgröße und Normanstellungsschlüssel

Je nach Größe der Einrichtung ergeben sich bei gleicher Reduktion der Kinderzahl bzw. Personalaufstockung unterschiedliche Normwerte.

Beispiel: Bei einer Reduktion um 10 Kinder und der Aufstockung um eine Kraft, beträgt der empfohlene Anstellungssschlüssel in einer Einrichtung mit 85 Kindern 1:7,9; in einer Einrichtung mit 15 Kindern 1:4.

Kriterien für Platzreduktion und Personalaufstockung

Die Formeln legen fest, wie rechnerisch zu verfahren ist. Die Höhe der Platzreduktion bzw. der Personalaufstockung bleibt eine inhaltlich-fachliche Entscheidung. Bislang ist folgende Praxis üblich:

Zahl behinderter Kinder

Platzreduktion

Personalaufstockung

1

3

keine

2

6

keine

ab 3

10

max. eine Zusatzkraft

ab 6

20

max. zwei Zusatzkräfte

etc.



Platzreduktion, Personalaufstockung und Gewichtungsfaktor

Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen dem empfohlenen Anstellungsschlüssel und den Gewichtungsfaktoren. Deshalb muss bei der Festsetzung der Normschlüssel immer auch bedacht werden, ob ihre Finanzierung überhaupt gewährleistet ist. Hierbei ist zu beachten, dass der im Modell angesetzte Gewichtungsfaktor in Höhe von 4,5 integrativen Einrichtungen zwar finanziell die übliche Platzreduktion ermöglicht, aber nur teilweise die übliche und gebotene Personalaufstockung.

Bei der Höhe der Diskrepanz spielt die Zahl der behinderten Kinder eine entscheidende Rolle. Befinden sich drei behinderte Kinder in einer Gruppe, so wäre ein Gewichtungsfaktor in Höhe von 8,5 notwendig, um Platzreduktion und Personalaufstockung (dritte Kraft) zu finanzieren. Befinden sich hingegen fünf behinderte Kinder in einer Gruppe, beträgt dieser Wert 5,5. (Die Ableitung findet sich unter Finanzierung / Gewichtungsfaktoren / Behinderte Kinder).

Eine genauere Analyse dieses Problems findet sich an anderer Stelle. Im Zusammenhang mit der Berechnung einrichtungsbezogener Anstellungsschlüssel ergibt sich folgendes:

Welche Personalaufstockung erlaubt der Faktor 4,5?

Auch diese Frage lässt sich nur differenziert nach der Zahl der behinderten Kinder beantworten: Für den Fall einer Einrichtung mit drei behinderten Kindern wären gerade 4 % einer Zusatzkraft finanzierbar. Für den Fall einer Einrichtung mit fünf behinderten Kindern immerhin 60 % - wobei sich die Prozentwerte je nach Nutzungszeitverhältnissen auf Teilzeit- oder auf Vollzeitstellen beziehen können. (Für eine nähere Ableitung dieser Werte siehe Finanzierung / Gewichtungsfaktoren / Behinderte Kinder).

Bei der Berechnung der Normanstellungsschlüssel könnten höchstens folgende Werte angesetzt werden. Zwei Beispiele:

Zahl behinderter Kinder

Platzreduktion

Mit dem Faktor 4,5 finanzierte Personalaufstockung

Empfohlener Schlüssel einer eingruppigen, integrativen Kita

3

10

0,5 (4% von 12,5)

10 * 15 / (15+10,5) = 5,9

5

10

7,5 (60% von 12,5)

10 * 15 / (15+17,5) = 4,6

Einheitliche Faktoren, orientiert am höchsten Standard

Es wäre wünschenswert und in vieler Hinsicht vorteilhaft, für behinderte Kinder einen einheitlichen Gewichtungsfaktor anzusetzen. Da momentan in Bayern sehr große Unterschiede bestehen

würde eine einheitliche, kostenneutrale Lösung zwischen integrativen Einrichtungen noch deutlichere Umschichtungen nach sich ziehen, als wir sie bei nicht-integrativen Einrichtungen beobachten. Hinzu kommt, dass die Versuche des Sozialministeriums, im Projektverlauf einheitliche Standards der bayerischen Bezirke im Hinblick auf die Zahl der behinderten Kinder pro Integrationsgruppe anzuregen, keinen Erfolg hatten.

Ein Ausweg besteht darin, die Kostenneutralität aufzugeben und die Faktoren am höchsten Standard (Platzreduktion um 10 Kinder bei 3 behinderten Kindern + Zusatzkraft) zu orientieren. Für diesen Fall könnte die Festlegung der einrichtungsbezogenen Anstellungsschlüssel ausschließlich mit Hilfe der eingangs vorgestellten Formel unter Einsetzung des Reduktionsfaktors 22,5 erfolgen.

"Faktor 4,5 + x"

Um die Kostenneutralität beizubehalten,wurde seitens des Sozialministeriums vorgeschlagen, die momentan uneinheitliche Genehmigungspraxis in die kindbezogene Förderung zu überführen. Demnach wäre den Aufsichtsbehörden die Entscheidungsmöglichkeit über die Höhe des Gewichtungsfaktors zu übertragen - mit dem Faktor 4,5 als Untergrenze ("4,5 + x"). Diese hätten darüber hinaus einrichtungsbezogene Normanstellungsschlüssel festzusetzen. Das Verfahren wäre jedoch deutlich komplizierter als bei einem einheitlichen Faktor. Es ergäben sich zwei Varianten:

Verfahren 1: Der Gewichtungsfaktor wird auf 4,5 festgelegt

In die Formel zur Berechnung des einrichtungsbezogenen Normanstellungsschlüssels sind in diesem Fall folgende Werte für r einzusetzen:

Zahl behinderter Kinder

r

3

10,5

4

14

5

17,5

Beispiel: Für eine integrative Einrichtung mit 15 Kindern, davon 4 behinderten ergibt sich bei Finanzierung mit dem Gewichtungsfaktor 4,5 ein empfohlener Anstellungsschlüssel von 1:5,2.

Der Mindestanstellungsschlüssel berechnet sich entsprechend und läge in diesem Beispiel bei 1:6,5.

Verfahren 2: Es wird ein höherer Faktor als 4,5 festgelegt ("4,5 + x")

Verfahren 2 umfasst zwei Schritte:

Für beide Schritte ist die Überlegung maßgeblich, in welcher prozentualen Höhe das Personal (bezogen auf das Stammpersonal) aufgestockt werden soll.

Schritt 1: Für die Festlegung des Gewichtungsfaktors können - je nach Zahl der behinderten Kinder und je nach Personalaufstockung - die nötigen Gewichtungsfaktoren der folgenden Tabelle entnommen werden:

Gewichtungsfaktoren "4,5+x"

bei einer prozentualen Personalaufstockung in Höhe von ...

Zahl behinderter Kinder

25%

50%

75%

100%

3

5,4

6,4

7,5

8,5

4

-

5,1

5,8

6,6

5

-

-

4,9

5,5

Beispiel: Soll in einer Einrichtung mit 4 behinderten Kindern das Personal in der integrativen Gruppe um 100% aufgestockt werden, d. h. ist eine dritte Kraft im gleichen Zeitumfang wie die beiden ersten Kräfte einzusetzen, so benötigt die Einrichtung einen finanziellen Gewichtungsfaktor in Höhe von 6,6.

Schritt 2: In die Formel zum einrichtungsbezogenen Normanstellungsschlüssel sind dann jeweils die folgenden Werte für r einzusetzen:

Personalaufstockung

r

25%

13,1

50%

16,3

75%

19,4

100%

12,5

Beispiel: Für eine integrative Einrichtung mit 15 Kindern und 3 behinderten Kindern wird eine 75 %-ige Personalaufstockung festgelegt. Es ergibt sich ein Gewichtungsfaktor entsprechend der obigen Tabelle in Höhe von 7,5. In die Formel zur Berechnung des empfohlenen Anstellungsschlüssels ist r = 19,4 einzusetzen. Es ergibt sich ein empfohlener Anstellungsschlüssel in Höhe von 1:4,4.

"4,5 + x" - eine Lösung mit Nachteilen

Das rechnerische Verfahren ist hinreichend klar beschreibbar - wenn auch bei weitem nicht so einfach wie bei einem einheitlichen Faktor. Die Festlegung der Höhe der Personalaufstockung bliebe eine Ermessensentscheidung der Aufsichtsbehörden. Die in der alten Förderung zu beobachtenden Ungereimtheiten blieben erhalten.

Ob die Kostenneutralität mit dem Verfahren "Faktor 4,5 + x" tatsächlich gewahrt werden kann, ist obendrein zweifelhaft. Die Transparenz des Verfahrens hätte sicher einen größeren Druck auf die Bewilligungsbehörden zur Folge, höhere Gewichtungsfaktoren in Ansatz zu bringen als bisher. In der alten Förderung war die starke Ungleichbehandlung der integrativen Einrichtungen nicht augenfällig. In der kindbezogenen Förderung wird sie offensichtlich.

Einrichtungsbezogene Normanstellungsschlüssel für andere Situationen

Einrichtungsbezogene Normanstellungsschlüssel können auch für andere Situationen formuliert werden, z. B. für altersgemischte Einrichtungen mit Kindern unter 3 Jahren. Hier könnte für jedes Kind unter drei Jahren ein Reduktionsfaktor von 1 angenommen werden.

Beispiel: In einer Einrichtung werden 5 Kinder unter 3 Jahren aufgenommen. Die Zahl der Kinder beträgt insgesamt 25. Es kann empfohlen werden, sich bei der Personaleinstellung an einem Anstellungsschlüssel von 1:8,3 zu orientieren.

Dieser Schlüssel ist nur durch den Einsatz zusätzlichen Personals zu den üblichen zwei Kräften zu erreichen.

Erfahrungen mit einrichtungsbezogenen Normanstellungsschlüsseln

Das Problem, dass für integrative und altersgemischte Einrichtungen die Normwerte 1:10 als empfohlener bzw. 1:12,5 als Mindestanstellungsschlüssel nicht gelten können, war den Projektakteuren von Anfang an klar. Es blieb aber lange Zeit auf der Liste der "offenen Posten". Erst in einer späteren Projektphase entstand das Konzept des einrichtungsbezogenen Normanstellungsschlüssels im Detail.

Im Projektverlauf kam es wegen dieser unklaren Situation immer wieder zu Irritationen. So versuchte die Stadt Landsberg zeitweise integrative Einrichtungen auf einen Schlüssel von 1:10 zu verpflichten. Solche Irrwege konnten zwar schnell korrigiert werden, trotzdem blieb die Situation lange Zeit unbefriedigend.

Zeitweise experimentierten wir mit der Gewichtung der Zeiten für behinderte Kinder. Auf diese Weise ließen sich die Berechnungen zwar mathematisch einfach darstellen. Allerdings ist der so erhaltene berechnete Schlüsselwert außerordentlich schwierig inhaltlich zu vermitteln. Was besagt schließlich ein Anstellungsschlüssel, wenn dieser nicht mit realen, sondern mit gewichteten Zeiten berechnet wird?

Um die Plausibilität der Konzeption des einrichtungsbezogenen Anstellungsschlüssels zu überprüfen, wurden für alle Einrichtungen, die überhaupt im Jahr 2002 ein behindertes Kind aufgenommen hatten, einrichtungsbezogene Mindest- und empfohlene Anstellungsschlüssel berechnet. Die Werte wurden dann (jeweils ausschnittsweise) mit einer Fachberaterin in Bayreuth, mit der Kindergartenaufsicht im Landkreis Landsberg am Lech und mit einzelnen Kita-Leitungen besprochen. Es stellte sich heraus, dass sie nach Meinung dieser Expertinnen einen Sinn machten und dass die abzuleitenden Konsequenzen (nötige Personalaufstockung oder mögliche Personalreduktion) mit ihrer fachlichen Einschätzung korrespondierten. In ein bzw. zwei Fällen (je nach Berechnungsmethode) überschritten Einrichtungen den errechneten Mindestanstellungsschlüssel. Da bei beiden Einrichtungen die Tendenz zu erkennen war, die Förderung auf Kosten der Einrichtungsqualität zu maximieren, halten wir es für sinnvoll, hier regulierend einzugreifen.

Aktualisiert am 25.05.2004 - Startseite           ▲ nach oben