Zeitfaktoren

Zur Berechnung der kindbezogenen Leistungspauschale ist der Basiswert mit dem stündlich gestaffelten Zeitfaktor zu multiplizieren. Entscheidend war im Modellprojekt nicht die minutiös registrierte Anwesenheit, sondern die Betreuungszeit des Kindes "in der Regel". Die Zeitfaktorenkurve war linear-proportional gesetzt. Für ein Kind mit 8 Stunden erhielt die Kita demnach doppelt so viel Förderung wie für ein Kind mit 4 Stunden Betreuungszeit. Als problematisch erwiesen sich die zeitlichen Ober- und -untergrenzen. Die Zeitfaktoren überführen die bisherige Unterscheidung von Halb- und Ganztagsgruppen in eine differenziertere Systematik. Modelle der Sockelfinanzierung erweisen sich bei näherem Hinsehen als Darstellungstechnik, allerdings mit einer Tendenz zu unangemessen flachen Zeitkurven und mit einer Verdoppelung des Verwaltungsaufwandes.

 

Betreuungszeit = Anwesenheit "in der Regel"

Bei der Definition der Betreuungszeit geht es nicht um minutiöse Anwesenheit, sondern um Regelmäßigkeiten. Bei unregelmäßigen Zeitverhältnissen können Durchschnittswerte auf Wochen- oder Monatsbasis angesetzt werden. Abwesenheiten in Folge von Urlaub, Krankheit und spontanen Entscheidungen fallen außer Betracht.

Operationalisiert wurde die Betreuungszeit mit dem von den Eltern schriftlich gebuchten Zeitrahmen. Es wurde an alle Beteiligten appelliert, Buchung und tatsächliche Anwesenheit im Einklang zu halten und fiktive "Luftbuchungen" zu unterlassen. Diese Anforderung ergibt sich daraus, dass der Basiswert auf der Grundlage von tatsächlichen Betreuungszeiten, nicht auf der von Betreuungswünschen berechnet wurde.

Es ist möglich, die Anforderung der Entsprechung von Buchungs- und Anwesenheitszeit fallen zu lassen und konsequent die Buchungszeit einzusetzen. In diesem Fall sind die Nutzungszeiterhebungen nur noch bedingt zur Basiswertberechnung brauchbar. Ein konsequent auf der Grundlage von Buchungszeiten berechneter Basiswert wäre niedriger als einer, der auf die regelmäßige Anwesenheitszeit abzielt.

Zeitfaktorenkurven

Von der Förderunter- bis zur Förderobergrenze gilt im Modellversuch eine linear-proportionale Zeitfaktorenkurve. Im Jahr 2003 diskutierte die Modellkommission unterschiedliche Zeitfaktorenkurven (linear-flach, linear-steil, treppenförmig, linear-proportional ohne Unter-/Obergrenzen, progressiv steigend, degressiv steigend u. a.). Auch das Modell einer zeitfaktorenlosen Pro-Kopf-Finanzierung wurde berechnet. Es lässt sich sagen,

Förderobergrenze problematisch

Im Modellversuch war die Zeitkurve ab der Kategorie ">7 bis 8 Stunden" finanziell gedeckelt. Für Kinder mit einer noch längeren regelmäßigen Betreuungszeit erhöhte sich die Förderung nicht weiter. Für Einrichtungen, die diese langen Betreuungszeiten ermöglichen, ist dies nicht einsichtig und so war diese Tatsache wiederholt Gegenstand der Kritik inner- und außerhalb der Modellstandorte. Tatsächlich ergibt sich kein Gesichtspunkt, der die Aufrechterhaltung dieser Deckelung rechtfertigt. Bei einer eventuellen bayernweiten Einführung sollten die Kategorien "> 8 bis 9 Stunden" und ">9 Stunden" eingeführt und linear fortgesetzt werden.

Durcheinander der Förderuntergrenzen

Im Modellversuch galten für unterschiedliche Kindergruppen und Einrichtungstypen unterschiedliche Förderuntergrenzen. Die unterste förderfähige Kategorie war

Dieses Durcheinander ist schwer zu durchschauen und noch schwerer zu erklären, zumal sich je nach Untergrenze auch noch unterschiedliche Abstufungen in der nächst höheren Kategorie für die einzelnen Altersgruppen ergeben. Es führte bei der praktischen Anwendung immer wieder zu Unsicherheiten und Fehlern. Bei einer eventuellen bayernweiten Einführung sollte unbedingt mit einheitlichen Kategorien gearbeitet werden.

Förderuntergrenzen leisten nicht, was sie vorgeben

Förderuntergrenzen sind unseres Erachtens prinzipiell problematisch. Ihre Begründung finden sie darin, dass erst ab einer gewissen Mindestanwesenheit eine Bildungsarbeit von der Kindertageseinrichtung gewährleistet werden kann. Dies ist richtig, allerdings lässt sich Anwesenheit nicht erzwingen. Eltern, die eine kurze Zeit wünschen, haben in der Regel hierfür einen speziellen Grund. Dieser löst sich auch durch eine Vorgabe seitens der Einrichtung nicht auf. Eine solche führt nur dazu, dass die betroffenen Kinder zwar in der untersten förderfähigen Kategorie aufgenommen werden, real aber doch nur eine kürzere Zeit anwesend sind. Dadurch wird keinerlei Bildungseffekt erzielt. Obendrein wird diese Situation durch den hierfür überhöhten Zeitfaktor auch noch unverhältnismäßig hoch finanziert. An dieser Stelle Druck auf die Einrichtungen auszuüben, in solchen Fällen die Aufnahme der Kinder zu verweigern, ist unrealistisch. Die entsprechenden "grauen" Arrangements zwischen Eltern und Einrichtungen existieren an den Modellstandorten und sie werden außerhalb angedacht. Es gibt keinen realistischen Kontrollmechanismus, dies zu unterbinden.

Die Finanzierung von Kindertageseinrichtungen erfolgt mit dem Auftrag von Bildung, Erziehung und Betreuung. Auch wenn Bildung erst ab einer (im übrigen fachlich gar nicht einfach zu definierenden) Mindest-Anwesenheitszeit geleistet werden kann, spricht aus unserer Sicht nichts dagegen, unter dem Aspekt der Betreuung auch kürzere Zeiten (geringer gewichtet) zu finanzieren.

Damit soll in keinster Weise für den Kurzaufenthalt in Kindertageseinrichtungen plädiert werden. Natürlich ist anzustreben, dass jedes Kind eine optimale Bildungsförderung erhält. Es kann jedoch nur argumentativ auf Eltern eingewirkt werden. Dass die Kindertageseinrichtungen diese kommunikative Aufgabe - schon im Eigeninteresse - übernehmen, kann im Rahmen der kindbezogenen Förderung vorausgesetzt werden.

Problematische Auswirkung von Förderuntergrenzen auf Horte

Besonders problematisch wirkt die an den Modellstandorten realisierte Förderuntergrenze für Schulkinder im Hort. Ein beträchtlicher Teil des Bedarfs an außerschulischer Betreuung liegt gerade unter drei Stunden. Horte, die auf diesen Bedarf reagieren und weiterhin reagieren möchten, werden von den Finanzierungsmöglichkeiten abgeschnitten.

Zeitfaktor regelt die herkömmliche Halb-/Ganztagssystematik

Mit Zeitfaktoren wird der Tatsache Rechnung getragen, dass es im Hinblick auf die erforderliche personelle Infrastruktur einer Einrichtung einen großen Unterschied macht, ob Kinder kürzer oder länger anwesend sind. Dies wird in einer sehr groben und ungenügenden Form bereits mit der herkömmlichen Personalkostenerstattung getan: Hier variiert die Förderung danach, ob eine Halbtags- oder Ganztagsgruppe angeboten wird. Diese Tatsache wird oft übersehen, wenn befürchtet wird, die kindbezogene Förderung führe zu finanziellen Umschichtungen vom ländlichen in den städtischen Bereich. Es gibt im ländlichen Bereich wesentlich mehr Halbtagsgruppen als im städtischen. Dieser Unterschied geht zu einem großen Teil auf Unterschiede im Bedarf zurück und wird im Rahmen der herkömmlichen Personalkostenerstattung bereits berücksichtigt. Die Zeitfaktoren tragen dieser gewachsenen Struktur Rechnung, auch wenn sie genauer differenzieren.

Sockelfinanzierungsmodelle und Zeitfaktorenkurve

Von verschiedenen Seiten wurden Sockelmodelle der Finanzierung zur Diskussion gestellt mit einer evtl. gruppenbezogenen Grundförderung und einer kind- und nutzungszeitbezogenen Komponente. Dabei wird regelmäßig übersehen, dass sich die kindbezogene Förderung in der hier dargestellten Form ohne weiteres als "Sockelmodell" darstellen lässt - mit rechnerisch gleichem Förderergebnis für die einzelne Einrichtung.

Auch die Höhe der kindbezogenen Finanzierung setzt sich nämlich zusammen aus

Es lässt sich berechnen, dass der nicht zeitabhängige Finanzierungsanteil beim erprobten linear-proportionalen Fördermodell bei 69% liegt. Nur 31% der Mittel werden demnach zeitabhängig vergeben.

Um die kindbezogene Förderung als Sockelmodell darzustellen, wäre ein beliebiger Betrag mit maximal 69% aus den Förderbeträgen herauszurechnen und mit der Zahl der Kinder entsprechend der Gruppengröße zu multiplizieren. Zu diskutieren wäre dann die Zeitfaktorenkurve für das verbleibende Fördervolumen. Möchte man keine Verwerfungen wie bei einer flachen Zeitkurve, muss nun allerdings mit einer sehr steilen Kurve gearbeitet werden.

Sockelmodelle verändern per se nicht unbedingt etwas an den auf eine Einrichtung entfallenden Förderbeträgen, sie verführen aber zu unangemessen flachen Zeitfaktorenkurven und damit im Resultat zu einer Umschichtung zu den Halbtagsgruppen. Darüber hinaus führen sie zu einer Verdoppelung des Verwaltungsaufwandes, da die gleichen Finanzmittel nach zwei verschiedenen Finanzierungsalgorithmen verteilt werden.

Aktualisiert am 26.05.2004 - Startseite           ▲ nach oben