Kindbezogene Förderung und Einrichtungstyp

Mit der kindbezogenen Förderung wird ein fundamentaler Paradigmenwechsel vollzogen: Nicht mehr der Einrichtungstyp (Krippe, Kindergarten, Hort etc.) steht im Vordergrund, sondern das einzelne Kind. Es ist zu erwarten, dass diese Umstellung die Grenzen zwischen den klassischen Angebotsformen lockert und langfristig zu einer größeren Angebotsvielfalt führt.

 

Überwindung starrer Grenzen zwischen den klassischen Einrichtungsformen

Dass Kinder im Alter von drei Jahren von einer Einrichtung in die andere, nämlich von der Krippe in den Kindergarten wechseln, lässt sich nicht mit Erfordernissen der kindlichen Entwicklung begründen, sondern ist das Resultat historischer Prioritäten und einer die Angebote kategorisierenden Fördersystematik. Ähnliches gilt für den Übergang vom Kindergarten in den Hort.

Schon bisher versuchen viele kombinierte Krippen-Kindergarten- und Kindergarten-Hort-Einrichtungen diese Grenzen in der alltagspraktischen Arbeit aufzuheben. Nicht selten zwingt die Förderlogik in unsinnig getrennte Organisation. Manchmal bewirken die Fördergrenzen sogar eine fast berührungslosen Koexistenz zweier Einrichtungsformen im gleichen Haus.

Mit der Umstellung der herkömmlichen einrichtungsbezogenen auf die kindbezogene Förderung entfällt die Notwendigkeit, solche Grenzen zu ziehen. Es bleibt Einrichtungen nach wie vor frei gestellt, sich auf eine Altersgruppe zu spezialisieren. Sie können die Grenzen aber auch durchlässiger gestalten und sich dabei wesentlich mehr als bisher an der kindlichen Entwicklung orientieren.

Dieser neue Freiraum wird nicht schnell besetzt. Zu tief wurzelt im pädagogischen Denken ist das klassische Trio - Krippe, Kindergarten und Hort -, als dass mit dem Wegfall der Grenzen auch sofort die neuen Möglichkeiten ergriffen werden. Im Modellprojekt dauerte es Monate und Jahre bis hier vermehrt großzügig und innovativ gedacht wurde.

Besondere Auswirkungen der kindbezogenen Förderung auf die klassischen Einrichtungstypen

Meist wird im Bezug auf den Zusammenhang von kindbezogener Förderung und den herkömmlichen Einrichtungsformen aber gar nicht die Frage gestellt, ob die klassischen Trennungen kindgemäß sind, sondern umgekehrt, ob die kindbezogene Förderung denn auch dem jeweiligen Einrichtungstyp angemessen ist, d. h. im Klartext: ihn mit mindestens der gleichen Förderung ausstattet wie bisher. Passt die kindbezogene Förderung denn für den Hort?, lautet z. B. eine der am häufigsten gestellten Fragen.

Es seien Zweifel angemeldet, ob diese Fragen wirklich so plausibel sind, wie es auf den ersten Blick scheint. Schließlich geht es nicht darum, dass die Fördersystematik auf Einrichtungstypen passt und diese per se am Leben erhält, sondern darum, Verhältnisse zu schaffen, in denen Einrichtungstypen be- und entstehen, die sich konsequent am Kind und seiner Familie orientieren. Ob diese sich dann "Hort", "Krippe", "Kindergarten", "Kinderhaus" oder "Kindertagesstätte" nennen, ist so gesehen sekundär.

Behält man dies im Auge, so ist der angebotsspezifische Blickwinkel auf die kindbezogene Förderung trotzdem hilfreich. Schließlich trifft die neue Förderung auf eine in Jahrzehnten gewachsene Einrichtungslandschaft. Dabei entstehende Brüche und Verwerfungen sind bei einer eventuellen Einführung der kindbezogenen Förderung zu berücksichtigen.

Die kindbezogene Förderung entstand in erster Linie im Kontext der Auseinandersetzung mit Kindergärten. Schon in der ersten Projektphase gab es aber auch besondere Expertenrunden mit Vertreterinnen aus Horten und Krippen. An der Modellerprobung nahmen dann schließlich 5-6 Horte und 4 Krippen teil. Es wurde immer wieder überprüft, welche Besonderheiten sich für diese ergeben. Noch während der Modelllaufzeit wurde die kindbezogene Förderung für Krippen bayernweit eingeführt. Gegen Ende der Projektlaufzeit analysierten das IFP (Staatsinstitut für Frühpädagogik, München) und das Bayerische Sozialministerium noch eine weitere Zahl von Horten im Hinblick auf die dort zu erwartenden Auswirkungen der kindbezogenen Förderung. Die kindbezogene Förderung erwies sich dabei prinzipiell für alle klassischen Einrichtungstypen als tragfähig. Jedoch sind, vor allem mit Blick auf die heutigen Horte Modifikationen vorzunehmen.

Aktualisiert am 27.05.2004 - Startseite           ▲ nach oben