Betrachtungen zum Anstellungsschlüssel

von Dr. Heidrun Kolinsky am 25. März 2001 um 22:01 Uhr
als Antwort zu: §12/§16 4.DVBayKiG von Günter Krauß, ISKA am 22. März 2001 um 19:31 Uhr

Neben dem Basiswert ist der Anstellungsschlüssel die zentrale Größe im MQS-Modell. Die bisher verwendete Formel ist als beschreibende Größe und vor allem in ihrer Implikation als Grenzwertkriterium unzureichend.

Auf der Basis des bisherigen Kindergartenrechts versuchte Herr Krauß den sich in der bisherigen Diskussion befindlichen Maximalwert von 1:16.6 zu plausibilisieren:

3 pädagogische Kräfte auf 50 Kinder = 1:16.6 oder um besser rechnen zu können:
6 pädagogische Kräfte auf 100 Kinder = 1:16.6

Das ist allenfalls ein Mindestpersonal- und kein Anstellungsschlüssel.

In der bisherigen Definitionsgleichung des Anstellungsschlüssels
wurde die Summe der täglichen Nutzungszeit in Relation gesetzt zur Wochenarbeitszeit des pädagogischen Personals geteilt durch 5 = durchschnittliche tägliche Arbeitszeit.

Anstellungsschlüssel = (Summe der täglichen Nutzungszeiten aller Kinder)/(wöchentliche Arbeitszeit des pädagogischen Personals/5)

Bei einem Anstellungsschlüssel von 1:16.6 ergäbe sich bei 100 Kindern und 6 pädagogischen Fachkräften notwendigerweise eine durchschnittliche tägliche Nutzungszeit von 770 Stunden pro Tag.

16.6 = 100/6 = (770) / (6 * 38.5 / 5) =
( 100 * 7.7 ) / ( 6 * 38.5 / 5)

Was nichts anderes bedeutet, als dass bei einem Wert des Anstellungsschlüssels die 100 Kinder im Durchschnitt 7.7 Stunden pro Tag in der Einrichtung sein müssten. Oder anders ausgedrückt, die 6 pädagogischen Kräfte müssten in jeder Minute ihrer Arbeitszeit ständig 100 Kinder beaufsichtigen. Zeiten für
Teambesprechungen, Konzeptentwicklung, Elterngespräche und Fortbildungen gehen in diese Rechnung nicht ein. Würde man diese Zeiten abziehen, dann müsste im Mittel eine Erzieherin während iher Anwesenheit mehr als 16.6 Kinder beaufsichtigen.

Dass mit der bisherigen Definition des Anstellungsschlüssels
etwas nicht stimmen kann, sieht man auch daran, dass von den 100 Kindern auch noch zum Beispiel 10 behindert, 30 Ausländer-/Aussiedlerkinder und 20 Kleinstkinder
von 0-3 Jahren sein dürfen, ohne dass sich dadurch
an dem Wert des Anstellungsschlüssels etwas ändern würde. Dass bei einer solchen Ausgangsgleichung massive Befürchtungen um die zukünftige pädagogische Qualität in den Kindergärten bei den pädagogischen Fachkräften, den Gewerkschaften
und den Eltern auftreten, sollte Sie nicht verwundern.

Ein weiteres Beispiel:
Eine integrative Gruppe wird täglich von
2 Regelkindern 4 Stunden
7 Regelkindern 5 Stunden
2 Regelkindern 6 Stunden
2 behinderten Kindern 5 Stunden
2 behinderten Kindern 6 Stunden
besucht.
Es werden 2 pädagogische Vollzeitkräfte und eine dritte Kraft mit
27 Stunden pro Woche beschäftigt:

Als Wert des Anstellungsschlüssels berechnet sich

( 2*4 + 7*5 + 2*6 + 2*5 + 2*6 ) / ( (2*38.5 + 27) / 5 ) = 3.70

der in der Diskussion des Basiswert auftretende untere Grenzwert.
Bei der Definition des Basiswertes wurde nicht berücksichtigt, dass behinderte Kinder auch einen höheren pädagogischen Aufwand bedeuten.
Rechnet man den Gewichtungsfaktor von 4.5 für behinderte Kinder
in den Anstellungsschlüssel ein, ergibt sich als Wert des
Anstellungsschlüssels

( 2*4 + 7*5 + 2*6 + 2*5*4.5 + 2*6*4.5) / ( (2*38.5 +27) / 5) = 7.40

Dieser, den tatsächlichen pädagogischen Aufwand besser berücksichtigende Anstellungsschlüsselwert liegt bei 7.40 um genau den Faktor 2 oder in Prozentzahlen ausgedrückt, um 100 Prozent höher als der ursprüngliche Wert.
Von dem in der Basiswertdiskussion angegebenen Mittelwert eines
Anstellungsschlüssels von 10.0 liegt der neue Wert um 2.60 und damit näher am Mittelwert als der obere Grenzwert von 13.1 (der nach pädagogischen Aufwand natürlich ebenfalls neu berechnet werden müsste) entfernt. Die von der Projektgruppe in der Diskussion benannten "festgestellten extremen Unterschiede
zwischen den Einrichtungen" resultieren,
wie man oben sieht, auch stark mit daher, dass die bisherige Definitionsgleichung des Anstellungsschlüssels den tatsächlichen pädagogischen Aufwand unberücksichtigt läßt.

Da über den Anstellungsschlüssel zukünftig die "Grenze zur Kindswohlgefährdung" definiert werden soll, kommt der Definitionsgleichung des Anstellungsschlüssels eine besondere Bedeutung zu. Oder anders ausgedrückt:
bei der Aufstellung der Formel für den Anstellungsschlüssel ist besondere Sorgfalt angebracht.

Es wäre notwendig, dass der Anstellungsschlüssel den pädagogischen Aufwand wenigstens minimal reflektiert. Noch besser wäre, wenn statt der wöchentlichen Arbeitszeit des Personals die tatsächlich in der Gruppe verbrachten Stundenwerte berücksichtigt würden.
Durch eine gesetzlich allgemeine Regelung von Stunden
ausserhalb der Gruppe z.B. für Teambesprechungen, Konzeptentwicklung, Gruppenleitungsaufgaben oder auf die Woche gemittelte Zeit für Fortbildung, oder zur Individualförderung behinderter Kinder liesse sich so ein gewisses Mindestmaß
an pädagogischer Qualität fördern und fordern. Hier könnte ein Ansatzpunkt für eine fruchtbare Diskussion mit Erzieherinnen, Kinderpflegerinnen, Trägern und Gewerkschaften liegen. Und in den Anstellungsschlüssel ginge sinnvollerweise nur die tatsächlich in der Gruppe verbrachte Zeit ein, was auch auf mehr Glauben bei den Eltern in Richtung einer tatsächlich angestrebten Qualitätsverbesserung in den Einrichtungen führen sollte.

Vorschlag für einen Neudefinition des Anstellungsschlüssels

Anstellungsschlüssel = ( Summe der mit den pädagogischen Aufwandsfaktoren gewichteten durchschnittlichen täglichen Nutzungstunden ) /( ( Summe der jeweiligen Wochenarbeitszeit der pädagogischen Kräfte - jeweilige Zeitbedarf ausserhalb der Gruppenarbeit ) / 5 )

Diese Definition des Anstellungsschlüssels würde den tatsächlichen Situationen in den einzelnen Einrichtungen viel mehr gerecht.
Es würden gesetzliche Mindeststandards für den Zeitbedarf von
Mitarbeiterbesprechungen, Fortbildungen, Vor- und Nachbereitungen, Elternarbeit etc. beibehalten werden können. Und mit dieser Definition würde berücksichtigt werden können, dass z.B. Leiterinnen oft Leitungsaufgaben ausserhalb der Gruppe wahrnehmen müssen, die von der Zeit in der Gruppe abgeht. Auch der Zeitbedarf für die Praktikantenbetreuung von Einrichtungen, die ausbilden, könnte hier problemlos mit eingerechnet werden.
Bei integrativen Einrichtungen würde der Mehraufwand für Individualförderung und Einzelförderung berücksichtigt werden können, was eine erhebliche Verbesserung gegenüber der bisherigen Definition des Anstellungsschlüssels darstellen würde. Gleichzeitig ist es nur recht und billig, dass
bei der Ermittlung der Summe der täglichen Nutzungszeiten auch der pädagogische Aufwand mit eingeht.



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