Kein Kopfgeld für Kinder - warum das MQS-Modell die Qualität nicht erhöht!

von Dr. Olaf Malek, Eltern-Vertreter Uni-Kindergarten München am 02. Mai 2001 um 23:24 Uhr

Sehr geehrte Eltern und Erzieher in Bayern!
Sehr geehrte Herren Dunkl und Krauß!

Unter Bezug auf unsere Eingabe vom 1. Mai 2001 möchten wir an dieser Stelle verdeutlichen, worum es uns bei unseren Aktionen unter dem Motto

KEIN KOPFGELD FÜR KINDER!

geht. Wie vorhin bei der Plenumsversammlung im Uni-Kindergarten (München) unter Beteiligung einiger Kindergärten aus dem Münchner Raum deutlich wurde, besteht unter den Betroffenen, sowohl bei Eltern als auch bei Erziehern, ein eklatantes Informationsdefizit zur Thematik "Markt- und qualitätsorientierte Steuerung" (MQS).
Dies paßt zu dem allgemein verbreiteten Eindruck, daß es in der bisherigen Diskussion (siehe z.B. dieses Internet-Diskussionsforum) von den verantwortlichen Stellen (Bayrisches Staatsministerium für Soziales, ISKA, Trägerverbände) eine äußerst mangelhafte Informationspolitik gab. Kritische Fragen wurden nicht oder nur ausweichend beantwortet (siehe beispielsweise, wenn vorhanden, die Antworten auf die von Heidrun Kolinsky in diesem Forum gestellten Fragen).
Wir möchten daher zu einer breiten Streuung von Information beitragen, so daß die Betroffenen die Möglichkeit erhalten, einmal selbst ihre Zielsetzung zu formulieren und dies nach Möglichkeit in einem breiten Konsens durchzusetzen.

Wir, die Erzieher und Eltern von Kindern des Uni-Kindergartens, haben uns zusammengefunden, um Widerstand zu leisten gegen das geplante MQS-Modell, weil es die Existenz des Kindergartens gefährden würde. In erster Linie richtet sich unsere Kritik gegen das Prinzip der Förderung nach der Zahl der Kinder.

Der Uni-Kindergarten, eine Elterninitiative, hat sich in der Zeit seines Bestehens seit nunmehr 33 Jahren einen Ruf erworben für seine hervorragende pädagogische Arbeit. Kinder, die hier ihre Kindergartenzeit verbracht haben, fallen stets durch überdurchschnittlich gut ausgeprägtes Sozialverhalten in der Grundschule auf. Dies wird ermöglicht durch eine Betreuung in Gruppen von 13 Kindern, die jeweils von einer Fachkraft und einer zusätzlichen Kraft (Kinderpflegerin, Auszubildende, Praktikantin, etc.) betreut werden. Ein entsprechender Betreuungsschlüssel von 1 : 6,5 ist bei bezahlbaren Elternbeiträgen nach dem noch gültigen Fördermodell möglich. Nur einen solch günstigen Betreuungsschlüssel halten wir für pädagogisch sinnvoll.

Das geplante MQS-Modell würde die pädagogische Arbeit erheblich beeinträchtigen. Wenn man den zuletzt ausgegebenen Basiswert von 1388 DM (für ein normales Kind mit 4 Stunden Betreuungszeit) als Berechnungsgrundlage heranzieht, würde sich der Elternbeitrag um 220 DM erhöhen. Dies wäre für viele Eltern, unter denen sich unter anderem Studenten befinden, nicht tragbar. Die Existenzgrundlage des Uni-Kindergartens wäre in Gefahr, Schließung würde drohen oder die Umwandlung in einen Elitekindergarten. Eine Senkung des Betreuungsschlüssels, um entstehende Defizite aufzufangen, ist nicht einmal theoretisch realisierbar in Anbetracht der räumlichen Gegebenheiten. Davon, daß dies von Erziehern und Eltern im Sinne der Kinder nicht gewünscht wäre, einmal ganz abgesehen.

Wir, die Erzieher und Eltern von Kindern des Uni-Kindergartens, sehen nicht ein, warum ein pädagogisch ambitioniertes Konzept dem Sparzwang zum Opfer fallen soll. Daß es sich bei dem MQS-Modell um ein verdecktes Sparprogramm handelt, steht außer Zweifel.

Das MQS-Modell ist ein Selektionsmodell. Nach Aussagen der Protagonisten von MQS soll diese Selektion jene Kindergärten bevorzugen, die eine bessere Qualität (der pädagogischen Arbeit, Service, Selbstdarstellung, etc) anbieten. Diese Protagonisten wissen, daß dies vorgespiegelt ist und eine Qualtitätsverbesserung nicht stattfinden wird!

Das MQS-Modell ist eine Selektion ausschließlich auf einen Faktor, und zwar auf eine Verminderung des Betreuungsschlüssels. D.h. um sich im Konkurrenzkampf der Kindergärten behaupten zu können, muß man mit möglichst geringen Personalkosten eine möglichst hohe Gesamtnutzungszeit (Menge an Kindern mal gebuchter Nutzungszeit) bewältigen. Das bedeutet, daß Gruppen tendenziell größer werden und die Personalstärke- bzw. qualifikation reduziert werden. Diese Logik liegt auf der Hand. Keines der bisher von den MQS-Protagonisten Dunkl und Krauß vorgebrachten Argumente vermochte es, uns vom Gegenteil zu überzeugen. Die Protagonisten behaupten, daß Eltern durch einen durch das Prinzip "Angebot und Nachfrage" erzeugten Rückkopplungseffekt präferenziell die Kindergärten auswählen würden, die ein qualitativ besseres Angebot machen als die Konkurrenz. Dieser Rückkopplungseffekt wird nicht funktionieren, wie es z.B. Heidrun Kolinsky in ihrem Beitrag "Angst machende Zahlen für Erzieherinnen über die Gefährdung von Arbeitsplätzen" vom 30. November 2000 bereits einleuchtend in diesem Diskussionsforum beschrieben hat. Stattdessen wird es ausschließlich eine Selektion auf Kostengesichtspunkte geben, bei der Kindergärten mit einem anspruchsvollen Erziehungsansatz wie etwa der Uni-Kindergarten auf der Strecke bleiben würden. Letztendlich würde dies eine Gesundschrumpfung des Förderungsetats zur Folge haben, "gesund" selbstverständlich nur im Sinne des Finanzministers.

Dies kann nicht die Absicht einer Reform der Kinderbetreuung sein. Es ist nicht einzusehen, warum der Rückgang der Geburtenziffern nicht als Chance wahrgenommen wird. Endlich ist es möglich, flächendeckend eine Elementarpädagogik einzuführen, mit pädagogisch sinnvollen Gruppengrößen wie im Uni-Kindergarten. Dennoch ist das Gegenteil - eine Vergrößerung der Gruppen - beabsichtigt! Von den zusätzlichen negativen Effekten der geplanten Reform (Altersheterogenität, Auflösung geschlossener Gruppen, etc.) einmal ganz zu schweigen. Dies kann nicht sein. Darum müssen alle, die auf das Wohl der Kinder und damit das Wohl unserer ganzen Gesellschaft bedacht sind, aktiv werden gegen das MQS-Modell. Selbstverständlich sind die Damen und Herren vom Sozialministerium und von ISKA eingeladen, uns vom Gegenteil zu überzeugen und glaubhafte Argumente vorzubringen, die für das MQS-Modell sprechen. Solange dies nicht geschieht, werden wir ihm organisierten Widerstand entgegensetzen.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Olaf Malek


P.S.: Es sei an dieser Stelle noch einmal an unser regelmäßiges Informations- und Austauschtreffen unter dem Motto "Knotenpunkt Kindergarten" an jedem ersten Montag im Monat (das erste am 7.5.01) um 20 Uhr sowie an das nächste Öffentliche Plenum am 30. Mai 2001 erinnert. Wir laden zu diesen Veranstaltungen jeden Interessierten ein. Beginn jeweils um 20 Uhr. Ort: Uni-Kindergarten München, Leopoldstraße 11c (im Leopoldpark hinter der Uni-Mensa, U-Bahnhof Giselastraße), 80802 München-Schwabing.



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