Wo bleibt das Recht der Kinder auf Förderung und Erziehung?

von Susanne Matern, für die Eltern des Uni-Kindergartens München am 14. Mai 2001 um 20:47 Uhr

Das bayrische Sozialministerium plant ein neues Finanzierungssystem in Kindertageseinrichtungen, dessen Gesamtauswertung bereits im Jahre 2002 stattfinden soll.
Viele Kindergärten, Elterninitiativen, und auch Schulkindergärten (es wird von der Schließung von 90 Schulkindergärten gesprochen!) sind davon betroffen.
Eltern und ErzieherInnen, selbst LeiterInnen der Kindergärten werden jedoch nur unzureichend über die geplanten Änderungen informiert.

Wer weiß schon, daß die zulässige Gruppenstärke damit auf bis zu 32 Kinder wachsen darf?

Aus Sorge um die Qualität der Erziehung lehnen viele Eltern, Betreuer und ErzieherInnen die geplante Umstellung des Finanzierungssystems ab. Wir Eltern meinen, daß das neue Gesetz nur dazu dienen soll, neue drastische Sparmaßnahmen zu Lasten unserer Kinder durchzusetzen.
Man (z.B. ISKA) spricht von einem sich abzeichnenden Rückgang der Kinderzahlen, andererseits darf man aber nicht vergessen, daß der Bedarf an Ganztageskindergartenplätzen angesichts zunehmender Berufstätigkeit beider Elternteile voraussichtlich steigen wird.
Gelder, die der bayrischen Staatsregierung derzeit fehlen, werden dann einfach umverteilt und mehr oder weniger von den Kindergärten abgezogen, anstatt gerade hier zu investieren.

Die Kinder sind unsere Zukunft!!

Warum wird die Gruppenstärke größer statt kleiner und wer kümmert sich um unsere Kinder, wenn die finanzielle Förderung von Fachkräften entfällt?
Eine ErzieherIn pro Gruppe wird wahrscheinlich Vorschrift bleiben, aber was ist mit unseren KinderpflegerInnen?
Es wird rentabler sein, sie durch Billigkräfte zu ersetzen.
Eventuellen Vorbereitungszeiten der ErzieherInnen - einem Stück Kindergartenqualität - wird man mit dem neuen Konzept nicht gerecht. Im Gegenteil, ErzieherInnen werden vielmehr mit Verwaltungsarbeit im Kindergarten zu tun haben (Budget- und Förderpläne müssen erstellt werden! ).
So fragen wir uns: macht es Sinn, pro Kind zu fördern?

Bisher hatte man in der Regel die Wahl zwischen Ganztags- und Halbtagsbetreuung. Geplant ist nun eine vorher(!) ‘gebuchte individuelle Nutzungszeit’. Klingt modern und scheint flexibel, bedeutet aber auch, daß Struktur und Konstanz im Tagesablauf wegfallen, die jedoch gerade für Kinder im Kindergartenalter und natürlich vor allem im Vorschulalter sehr wichtig sind.
Besonders problematisch erscheint uns die geplante Unterbringung von Kindern unter drei, Grundschulkindern sowie behinderten Kindern in den Kindergartengruppen, ohne dabei an das Fachpersonal zu denken und bestimmte Richtlinien für eine geeignete (Lern-)Umgebung festzulegen.
Einen freien Platz im Kindergarten mit einem Schulkind zu besetzen, ist sicher möglich, aber ob das Kind das will, sich ohne die Gleichaltrigen wohl fühlt und in Ruhe Hausaufgaben machen kann, sei einmal dahingestellt.

Wir wissen auch nicht, ob unsere Kinder im Kindergarten künftig genug Platz zum Spielen haben werden, denn die bisherige gesetzliche Vorschrift eines festgelegten Raums von 2 m² pro Kind gilt ja bereits jetzt als aufgehoben.


Was kann auf die Eltern zukommen?

Höhere Mitgliedsbeiträge - für Eltern mit mehreren Kindern wird das sehr teuer !!
Höchste Mitgliedsbeiträge für Initiativen mit kleiner Gruppenstärke.
Das kann sich in Zukunft nur mehr eine kleine Elite leisten - Eltern, deren finanzielle Mittel beschränkt sind haben dann aber keine Wahl mehr...!

Unter Umständen wird eine stärkere Mithilfe im Kindergarten nötig werden wegen dem zu erwartenden höheren Verwaltungsaufwand. Schließlich müssen nun Budget- und Förderpläne erstellt werden und - vor allem - müssen die Buchungen der Nutzungszeiten erfaßt und kontrolliert werden.

Um höhere Beiträge zu vermeiden, könnte so manches Elternpaar vor die Alternative gestellt werden, stattdessen durch eine verstärkte Mithilfe bei der Betreuung der Kinder einen günstigeren Kindergartenplatz zu erhalten.


Werden sich die Versprechungen der ISKA erfüllen?

Seit 1999 tüftelt das Institut für soziale und kulturelle Arbeit, kurz ISKA an der “Neugestaltung der Förderrichtlinien für Kindergärten und Horte in Bayern“.
Das neue Fördermodell solle ‘Qualität belohnen’ und ‘Leistungsanreize bieten’.
In einer Broschüre der ISKA finden wir im Internet unter http.//www.iska-nuernberg.de/kita-bayern/i06.htm unter der Überschrift “Prinzipien der markt- und qualitätsorientierten Steuerung“ dann folgendes:

„Jede Einrichtung wird verpflichtet, Qualitätssicherung durchzuführen.
Die Aufsichtsbehörden oder Bewilligungsstellen prüfen, ob Qualitätssicherung durchgeführt wird. Die Ergebnisse der Qualitätssicherung sind allerdings nicht förderrelevant.“ ( - dann bringt ja eine Qualitätssicherung eigentlich nicht viel. Sind wir mal ehrlich: Im Normalfall informieren wir Eltern uns doch zumeist gegenseitig mündlich über die Qualität der jeweiligen Kindergärten; und wir sind froh, daß Information über direkte Kommunikation noch funktioniert und nicht zum größten Teil im Internet stattfindet, wie z.B. hier!)

... und unter der Überschrift „Marktprozesse“:

„Es ist zu erwarten, daß sich unter den beschriebenen finanziellen Rahmenbedingungen Angebot und Nachfrage in Quantität und Qualität ausbalancieren.“

Geht es nicht ein bißchen zu weit, einen Kindergarten anhand Kriterien der Marktwirtschaft zu beurteilen?
Was Eltern in allererster Linie interessiert, sind doch Fragen, wie:
Bekommt mein Kind eine nette Erzieherin?
Hat sie Berufserfahrung ?
Wie geht sie mit den Problemen der Kinder um?
Bezieht sie auch die Eltern mit ein?
Welches pädagogische Konzept hat der Kindergarten?

Aus Umfragen und Forschungen geht hervor, daß Mütter nicht unbedingt aus finanziellen Erwägungen mehr Kinder bekommen (wenn sich z.B. das Kindergeld erhöht), sondern, wenn sie ihre Kinder in der Gesellschaft und ihren Einrichtungen (KiGa etc.) für die Zeit ihrer Abwesenheit gut untergebracht wissen.

Selbst die ISKA gibt zu, daß „Spitzenverbände einzelne Bedenken“ bei der neuen Förderstrategie haben.
Unter der Überschrift „ Chancen - Risiken - Übergangsschwierigkeiten“ kann man bei der ISKA dann lesen, daß selbstverständlich
„Übergangsschwierigkeiten unvermeidlich“ wären.
Und weiter : „Die Auswirkungen auf die Funktionsweise von Einrichtungen, Trägern und Verbänden wären erheblich.“ - dachten wir schon, daß man so etwas bei einer (finanziellen) Umgestaltung in Kauf nehmen muß. - Wir sind etwas beunruhigt .

und auf der nächsten Seite können wir lesen

„Qualitative Defizite werden durch das Marktgeschehen verhindert.“
Das klingt ja sehr vage!

Können wir dem §1 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes noch ausreichend gerecht werden? - wo es heißt:
„Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit...“
Kann man möglichen Defiziten (s.o.), die durch das neue Finanzierungskonzept entstehen können, denn wirklich genug entgegenwirken, oder wird sich nicht doch die Qualität der Kindergärten für unsere Kinder verschlechtern?

Bleibt uns nichts anderes übrig, als - ganz bayrisch - zu beten, daß si ois guad nausgeht ?????



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