Gedanken - Bedenken zum neuen Finanzierungsmodell

von i.A. M. Reuschlein BRK Kiga Weil am 22. Juni 2001 um 20:47 Uhr


Wir Leiterinnen des Modelllandkreises Landsberg möchten folgende Stellungnahme der Öffentlichkeit und allen Interessierten zugänglich machen.

Im Jahre 1973 wurde das Bayerische Kindergartengesetz (BayKiG) verabschiedet. Damit entstanden erstmalig für Kindergärten in Bayern Strukturen und Mindeststandards.
In den letzten 20 Jahren sind die Anforderungen an das Kindergartenwesen enorm gewachsen. Obwohl die Rahmenbedingungen nicht im ausreichenden Maße an diese Erfordernisse angepasst worden sind, ist es den Teams der Einrichtungen bisher gelungen, hohe qualitative Standards zu entwickeln und zu halten.

Mit dem neuen Markt- und Qualitätsorientierten Steuerungssystem (MQS) wird von seiten der Staatsregierung die Wichtigkeit von Qualität in den Kindertagesstätten (Kitas) unterstrichen und eingefordert. Auch im Gespräch mit Eltern zeigt sich, dass hohe Qualität bei ihnen einen großen Stellenwert einnimmt.
In diesem Zusammenhang finden wir die detaillierte Information über dieses Modell, so wie sie jetzt vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen, und Gesundheit erfolgte, sehr wichtig.
Die 100 % ige Beteiligung aller Träger und Einrichtungen an diesem Modell in unserem Landkreis zeigt unsere Bereitschaft, uns mit den dazu erforderlichen Veränderungen auseinander zusetzen.

Es ist dringend notwendig, dass folgende Überlegungen und Anregungen im MQS berücksichtigt werden, um die erreichte hohe Qualität weiterhin halten zu können:
1. Träger
Mit dem neuen "MQS" werden an die Träger wesentlich mehr Rechte und Pflichten übertragen als dies bisher der Fall war.
Damit Träger diese Verantwortung kompetent wahrnehmen können, sollten sie in regelmäßigen Informationsveranstaltungen durch die Aufsichtsbehörde umfassend über die Veränderungen und damit verbunden über die neuen Trägeraufgaben und deren Inhalte informiert werden.

2. Personal
Die Rahmenbedingungen sind verglichen mit den erheblich gestiegenen Anforderungen nicht im erforderlichen Maße verändert worden:
Bsp. Verfügungszeiten im Verhältnis zu den Anforderungen
Bsp. Gruppengröße im Verhältnis zum gestiegenen pädagogischen Betreuungsbedarf
Mit dem neuen „MQS“ obliegt die Entscheidung über Rahmenbedingungen dem Träger. Voraussetzung dafür ist aber die wirtschaftliche Grundlage, die im Basiswert berücksichtigt werden muss.

Eine Überarbeitung des Basiswertes ist unumgänglich.


Wir brauchen und fordern:

- Teilweise Freistellung der Leitung für die gestiegenen Anforderungen. Vorstellung: 50 % der vertraglichen Arbeitszeit und damit verbunden eine weitere Kraft zur Absicherung der Zeit am Kind (Gruppenarbeit).
- Verfügungszeit der Mitarbeiterinnen nach dem „Münchner Schlüssel“.
- Den Erhalt der tariflich festgelegten Arbeitsverträge.
- Den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen für ältere, erfahrene und somit teurere Mitarbeiterinnen. Qualität hat ihren Preis. Gute qualitative pädagogische Arbeit kann nur ausgebildetes Fachpersonal leisten.
- Weiterhin Zeit für Fort- und Weiterbildung, Supervision und Fachberatung.
- Auch für die Zukunft Fachpersonal. Deshalb ist es unerlässlich, weiterhin Praktikantinnen auszubilden. Dies erfordert zusätzliche Zeit für Praktikantenanleitung.
- Keine Abwertung unseres Berufsstandes durch feste Anstellung von Laienkräften.

3. Kinder
In den letzten Jahren hat sich der Anteil an Kindern mit Auffälligkeiten (Sprache, Verhalten, Entwicklung) drastisch erhöht. Dadurch haben sich die Inhalte der pädagogischen Arbeit verändert. Aus der familienergänzenden Funktion ist verstärkt eine familienbegleitende bis hin zu einer familienersetzenden Funktion geworden. Die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen zur Förderung der Kinder ist immer stärker in den Vordergrund gerückt.

Eine Überarbeitung des Basiswertes ist unumgänglich.
Wir brauchen und fordern:
- eine Gruppenstärke von höchstens 25 Kindern wie im BayrKiG verankert, oder geringer. Diese Gruppenstärke muss die absolute Obergrenze für Regelgruppen bleiben. Noch sinnvoller wäre im Sinne der Prävention eine Absenkung dieser Gruppenstärkeobergrenze.
- für sogenannte Einsteigergruppen (dreijährige, die das erste Mal Betreuung außerhalb der Familie erleben) eine geringere Obergrenze der Gruppenstärke, maximal 18.
- Die Mindestförderzeit sollte drei Stunden betragen.
Für Einsteigergruppen (Dreijährige) erwies sich diese Zeitspanne als optimal für den sanften Einstieg in den Kindergarten. Drei Stunden werden nach dem Modell im Moment mit nur 50 % gefördert. Diese hohe Finanzierungsdifferenz können Träger allein nicht ausgleichen. Deshalb sollte die Förderung nochmals überdacht werden.
- Bei einer möglichen Altersmischung von unter drei- und über sechsjährigen müssen die räumlichen, sachlichen und personellen Mindeststandards überdacht und neu festgelegt werden. Der Betreuungsbedarf von unter dreijährigen und über sechsjährigen unterscheidet sich entwicklungspsychologisch vollständig vom Betreuungsbedarf im normalen Kindergartenalter. Die Mischung dieser drei Altersstufen erfordert vom Erziehungspersonal eine andere Fachkompetenz und Flexibilität. Dem muss Rechnung getragen werden. Die erforderliche Fachkompetenz für diese Altersmischung muss sich das Erziehungspersonal durch Fortbildungen aneignen. An den Fachschulen muss auf diese veränderte Situation reagiert und die Lehrpläne entsprechend erweitert werden.

4. Eltern
Eltern wollen gute Qualität in den Einrichtungen ihrer Kinder, und Eltern wollen Informationen und Einblick in unsere Arbeit.

Gute Qualität bedeutet:
- ständiger Kontakt zu Eltern
- Einbindung der Eltern in verschiedene Aktivitäten (Elternabende, Elternsprechtage, Elternversammlungen)
- gemeinsame Aktivitäten mit Eltern und Kinder
- gut vorbereitete Elterngespräche u.a.m.
Um diese gute Qualität zu leisten, braucht das pädagogische Personal des Kindergartens genügend Zeit. (siehe Pkt. 3 Personal)

Buchungszeit soll gleich Nutzungszeit sein ?!
- Die Flexibilität die Eltern jetzt haben, geht dabei verloren. Wenn Grenzen eng gesteckt sind, haben wirkliche persönliche Entscheidungsfreiheiten und Freiräume für die Gestaltung des Familienalltages keine Chance.
- Die Planung des Personalbedarfs wird dadurch erschwert.
- Sogenannte Luftbuchungen sind nicht auszuschließen. Mittelwertregelungen sind unrealistisch, sowohl für Eltern als auch bezüglich der Personalabdeckung. Im Sinne der Kundenorientierung sollte es den Eltern überlassen bleiben, wie viele Stunden sie buchen und tatsächlich nutzen.

Abschließend stellen wir nochmals ganz klar heraus, dass wir die Fortführung des MQS kritisch beobachten werden. Es muss für eine gute Qualität in Kindertagesstätten auch Voraussetzungen in Form von Mindeststandards geben. Diese Voraussetzungen kann der Träger für seine Einrichtung auch realisieren WOLLEN, aber ohne die staatlich gesicherte finanzielle Absicherung über den Basiswert ist die Umsetzung nicht möglich. Deshalb muss der Basiswert nochmals kritisch überdacht werden. Der endgültige Basiswert muss einer finanziellen Absicherung entsprechen, die Eltern und auch Einrichtungen die Möglichkeit einräumt, flexibel auf Veränderungen und Bedürfnisse reagieren zu können.

Wir fordern, dass in diesen genannten Bereichen unsere Erfahrungen zur Kenntnis genommen und vor der endgültigen Festlegung des Basiswert Bayern berücksichtigt und eingearbeitet werden und uns damit die Grundlage geschaffen wird, dass wir uns entsprechend dem BayrKiG weiterhin unseren Aufgaben widmen und damit hohe Qualität für Kinder und Eltern leisten können.

Dieser Brief sieht im Original etwas anders aus, als hier dargestellt werden kann. Der Inhalt ist jedoch identisch.
Der Brief wurde unterschrieben von 28 Leiterinnen des Modellandkreises Landsberg.



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