Qualität?

von Barbara Perras-Emmer, Städt. Kindergarten Parsberg/Opf. am 25. Juli 2001 um 12:06 Uhr

Wir verstehen Qualität anders

Antwort auf das Rundschreiben von Aktion KbQ - C/o SOKE e.V. vom Juli 2001

Wir sind auch engagierte Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen und haben uns deshalb von Anfang an mit dem Dreistufenmodell von Frau (Ex-Ministerin) Stamm auseinandergesetzt. Wir hätten die Durchführung in der ursprünglich extremen Form begrüßt, leider sind im Rahmen der Verständigung mit den freien Trägern viele Punkte "aufgeweicht" worden. Alle waren sich z. B. einig, dass eine pädagogisch wertvolle und ausreichende Betreuungszeit mindestens 4 Stunden täglich betragen soll. Bei den zuletzt vorgelegten Zahlen (Bay. Gemeindetag) gilt die Betreuungszeit von 3 bis 4 Stunden als Förderfaktor 1.

Das heißt speziell für die Oberpfalz, wo es noch sehr viele Wechselgruppen gibt (vormittags 23 Kinder, nachmittags 23 neue bzw. andere Kinder), dass die bisherige Betreuungszeit von vormittags 3,5 Stunden und nachmittags 3,5 Stunden durch die Träger bedenkenlos auf zwei mal 3 Std. 05 Min. Betreuungszeit gekürzt werden könnte, um Verfügungszeit zu gewinnen bzw. Überstunden zu vermeiden. Überstundenausgleich wie bisher ist ja durch die Schließzeitenregelung mit 30/35 Ferientagen nicht mehr möglich. Bei einer wöchentlichen Betreuungszeit mit 15 Std. 25 Min. pro Vor- und Nachmittagsgruppe also 31 Stunden direkter Arbeitszeit würde die maximale Verfügungszeit beinahe eingehalten. Damit hätten sich die Träger in den Verhandlungen mit dem Sozialministerium eine optimale Förderung gesichert, was sicher niemals in den Absichten von Frau Stamm und ihren MitarbeiterInnen lag!

Bereits jetzt gibt es schreiende Ungerechtigkeiten beim Personal: Eine Langzeitgruppe muss mind. 30 Std. geöffnet sein, um mit der Förderung von 8,5 Std. Verfügungszeit eine Vollzeitstelle zu rechtfertigen.

Das heißt für viele Einrichtungen eine Dienstzeit von 7.15 Uhr bis 14.15 (Kinder von 7.45 bis 13.35 oder ähnlich), der Rest für Teambesprechungen, Elternabende, Hausbesuche oder ähnliches - also ein "fast Vormittagsjob" wie bei den Lehrern.

Eine Wechselgruppe von 8.00 bis 12.00 Uhr und 13.00 bis 16.45 Uhr bietet auch je eine Ganztagsstelle für eine Erzieherin und eine Kinderpflegerin (laut BayKiG nur für 2 Gruppen eine Kinderpflegerin, die Notwendigkeit von einer ganzen Zweitkraftstelle pro Gruppe wurde beim neuen Förderrecht nie in Frage gestellt!), jedoch mit ganz anderen Rahmenbedingungen. Eine Ganztagsgruppe mit einer Öffnungszeit von 7.00 bis 17.15 Uhr mit Mittagsruhe und Ausgabe von Mittagsessen wird nur mit zwei Vollzeitstellen bewertet. Auch im Rahmen des neuen Förderrechts wird die Betreuung über 7 Std. mit Faktor 2 gezählt, d. h. alles über 7 Std. und 5 Min. ist soziales Engagement, und wer von uns geht nicht lieber um 15 Uhr statt um 17 Uhr nach Hause?!

Bei einer Gruppe mit Wechselbelegung und Ganztagsplätzen je zur Hälfte war es bisher noch möglich, Teilzeitpersonal einzustellen: kurze Vormittagsgruppe 2 mal 25 Wochenstunden, lange Nachmittagsgruppe 2 mal 30 Wochenstunden oder ähnliche Modelle. Da konnte sich in der Mittagszeit der Dienst überlappen und intensive Betreuung war möglich. Leider muss ich in meinem Kollegenkreis feststellen, dass sich der Bedarf der Eltern und die Bedürfnisse der Kinder sich nach den Wünschen des Personals zu richten hat: Junge alleinstehende Erzieherinnen benötigen eine Vollzeitstelle, alleinerziehende Kolleginnen brauchen auch Vollzeitvergütung, am besten nur vormittags und bei Urlaubstagen entsprechend der Schulferien, möglichst keine Abendtermine. Wiedereinsteiger ("Doppelverdiener") mit Kleinkindern verzichten plötzlich auf die sonst so unverzichtbare Verfügungszeit, weil sie nach Kindergartenende mit ihrem Kind nach Hause gehen möchten; bei Schuleintritt des Kindes reicht die Beschäftigung bis 12 Uhr mittags.

Gut, wir sind eine so große Einrichtung, dass es uns meist gelingt, den komplizierten Dienstplan entsprechend zu gestalten. Doch zurück zur Ganztagsgruppe: Bei unseren 3 Langzeitgruppen bis 14.00 Uhr sind am Nachmittag Personalkapazitäten frei, beim Ganztagspersonal entsteht ein Engpass (wir reden noch nicht von der schwierigen Einhaltung von Mittagspausen laut BAT!). Das hieße vereinfacht, am Montag macht Personal von Gruppe Langzeit 1 Nachmittagsdienst, am Dienstag Gruppe II, Mittwoch Gruppe III und Donnerstag Gruppe IV. Am Freitag ist leider niemand bereit nachmittags zu arbeiten, also schließen wir die Einrichtung um 14.00 Uhr.

Wer denkt da an die Kinder oder die Eltern? Aber es wäre ja ohnehin sinnvoller, die Kinder nur bis spätestens 14.00 Uhr in den Kindergarten zu schicken und am Nachmittag zuhause zu betreuen, was sich gewissen Berufssparten bei vollem Verdienst so einrichten können.

Wir haben unseren Dienstplan anders gestaltet, das erfordert aber auch mehr Flexibilität und Überblick (z. B. Teilzeitstellen mit 15, 20, 22,5, 25, 32,5, 35 und 38,5 Wochenstunden). Ich bin sicher, dass gerade diese Kreativität die Qualität einer Einrichtung und ihres Personals bestätigt und das ist für mich ein Teil von kaufmännischer und betriebswirtschaftlicher Organisation. In zunehmend schwieriger werdenden Wirtschaftlichen Zeiten darf nicht nur vom Arbeiter, dem Handel und der Industrie entsprechender Einsatz gefordert werden, sondern von ALLEN! Nachdem auch Sie Werbung beigelegt haben und auch einen Markt dafür suchen, dürften Ihnen diese Tatsachen bekannt sein!

Große Probleme habe ich auch, wenn von pädagogischer Qualität gesprochen wird:
In den meisten Kindergärten läuft der Tag, die Bildung, der Stuhlkreis noch genauso ab, wie vor 25 Jahren bei der Einführung des BayKiG nach den damaligen, längst überholten Forschungsergebnissen und gesellschaftlichen Bedürfnissen. Wir möchten zwar maximale Verfügungszeit, sind jedoch nicht bereit, uns auf die aktuellen Probleme einzustellen und entsprechende Literatur ("In der Schule und der Fachakademie haben wir genug lesen müssen, das ist Gott-sei-Dank vorbei!" zu wälzen. In vielen Einrichtungen wird die Verfügungszeit zum Stühle rauf- und runterstellen, zum Lüften und zum Materialvorbereiten genutzt, Dinge, in die wir auch die Kinder miteinbeziehen können. Wir sollen die Kinder begleiten und fördern, nicht ihnen alles griffbereit hinlegen oder vorkauen!

Die Darstellung von Qualität lässt sich auch gut im Internet verfolgen. Im Rahmen des Modellversuchs gibt es Einrichtungen, welche bei Beschreibung des Personals nur auf Weisungsbefugnis hinweisen: Die Leiterin ist weisungsbefugt gegenüber Erzieherinnen, Kinderpflegerinnen, dem Reinigungspersonal und dem Hausmeister, die Erzieherin ist weisungsbefugt gegenüber der Kinderpflegerin. Diese vereinfachte Darstellung trägt nur der Ausbildung gegenüber Rechnung, welche man irgendwann einmal erworben hat. Wenn schon nicht die Bezahlung nach tatsächlicher Leistung erfolgt, sollte zumindest die Stellung in der Einrichtung leistungsrelevant sein. Und dazu können viele Faktoren beitragen: Persönlichkeit, Fort- und Weiterbildung, Berufserfahrung, Interesse und Engagement um nur einige zu nennen ...

Qualität heißt für uns, dass wir für uns, unsere Arbeitszeit, unser Wissen und unsere Zukunft selbst verantwortlich sind. Nur wenn wir dementsprechend handeln können, können wir die uns anvertrauten Kinder für morgen für die ungewisse Zukunft und zur Eigenverantwortung erziehen. Sie schreiben von veränderten Lebensbedingungen der Kinder, und dass die Gesellschaft darauf antworten muss. Was kann die Gesellschaft besseres tun, als Kindergartenplätze zur Verfügung zu stellen, die diese Probleme auffangen (sollten). Statt dessen wollen die meisten Einrichtungen "in Ruhe arbeiten und durch Sitzen auf das Lernen im Sitzen" vorbereiten, gelingt das nicht, so schreien wir nach kleineren Gruppen und therapeutische Hilfe, welche die Eltern mit ihren Kindern in Anspruch nehmen sollen, damit sie sich in der Einrichtung anpassen (können). Kleinere Gruppen können auch durch Teilen der Gruppen erreicht werden, doch irgendwie spukt in unseren Köpfen noch rum, dass Gruppengefühl nur im Stuhlkreis mit allen Kindern (25) und gleichzeitiger aufmerksamer Anwesenheit der Kinderpflegerin erreicht werden kann. Alle Forschungsergebnisse beziehen sich auf Gruppen von 8 Kindern, diese Stärke wird nie für 2 Kräfte bezahlbar sein.

Nach den uns vorliegenden Ergebnissen wird sich im finanziellen Umfang mit dem neuen Förderrecht wenig ändern. Dadurch, dass die Gesamtmittel nicht gekürzt werden, obwohl die Kinderzahlen zwischen 3 und 6 Jahren zurückgehen, hat jede Einrichtung die Möglichkeit, die Gruppen zu verkleinern oder sich einem Spezialgebiet zuzuwenden. Spezialgebiet heißt jedoch, sich zu spezialisieren, nicht einfach die Gruppen bedenkenlos aufzufüllen. Und das liebe Kolleginnen liegt an Ihnen und Ihrem Träger, nicht am Ministerium. Das Ministerium kann Sie nicht bei den alltäglichen Diskussionen mit Ihrem Träger unterstützen, wenn Sie selbst nicht wissen, wie Sie Ihr Berufsbild vertreten sollen. Auf einer Tagung in Regensburg (mit Frau Becker-Textor) sagte ein Kirchenpfleger, er sei nicht in der Lage, Eltern darauf aufmerksam zu machen, dass ihr Kind behindert ist; da frage ich mich, wer die pädagogische Ausbildung hat und das Gehalt dafür bekommt, die Kindergartenleitung oder der - meist ehrenamtliche - Kirchenpfleger.

Die Qualität liegt in unseren Händen und in unserer Verantwortung. Wenn wir nicht bereit sind, uns damit und mit uns selbst auseinander zu setzen und damit in die Öffentlichkeit und zu den Trägern zu gehen, kann uns kein Ministerium und kein Geld helfen. Wir brauchen gute Fortbildungen, die wir dann auch besuchen müssen. Leider werden Sitz- und Passivfortbildungen immer noch bevorzugt. Anregungen, welche wir mitschreiben können oder am besten noch in einem umfangreichen Kopiergeheft erhalten, so dass diese nichts mit unserer (weiterentwickelten) Persönlichkeit zu tun haben, sondern im Rahmenplan einfach draufgesetzt werden können. Blinde Aktion statt Qualität.

Ich habe in einem Schreiben an Frau Stamm im letzten Jahr vorgeschlagen, dass die Kommunen mehr in die Verantwortung genommen werden, sich mit den freien Trägern auszutauschen und volle Förderung nur dann gewähren, wenn entsprechende Fortbildungen angeboten und finanziert werden, aber auch vom Personal besucht werden und Praktikantenstellen besetzt werden. Hier ist jeder vor Ort gefordert, sich mit seinem Träger und der Kommunen auseinander- bzw. zusammenzusetzen.

Es ist wie beim Sport: Die Pflichtaufgabe haben wir mit der Ausbildung und unserem Beschäftigungsverhältnis überwunden. Nun folgt die individuelle Kür wie sich die Einrichtungen spezialisieren, weiterbilden und darstellen. Die Punktebewertung dafür ist sicher nicht einfach, deshalb brauchen wir Persönlichkeiten, die sich weiterentwickeln, um gute Arbeit leisten zu können, aber auch um Leistung anderer objektiv beurteilen zu können. Und wir brauchen einen "Markt" und eine Gesellschaft, also vor allem Eltern und Kinder, deren Bedürfnissen unser Angebot entspricht. Es geht nicht um einfaches Konsumieren sondern um den Sinn des Lebens: LEBEN (Sein) statt Haben und das erfordert Mut und Vertrauen in unsere eigene Authentizität.

Mit freundlichen Grüßen

Barbara Perras-Emmer, Erzieherin, Motopädagogin, Kindergartenleiterin

Claudia Holzner, Erzieherin, Motopädagogin, stellvertretende Kindergartenleiterin

Yvonne Atzinger, Erzieherin, Motopädagogin, Übungsleiterin J, Übungsleiter R Asthma

Christine Putzke , Erzieherin , Motopädagogin

Johanna Stigler, Kinderpflegerin, Motopädagogin

Brigitte Schmaußer, Kinderpflegerin, Motopädagogin

Andrea Nieborowsky, Kinderpflegerin, Motopädagogin

Maria Hierl, Kinderpflegerin, Motopädagogin, Übungsleiter A

eMail: immer-in-bewegung@t-online.de
www.kindergarten-parsberg.de



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