Angst machende Zahlen für Erzieherinnen über die Gefährdung von Arbeitsplätzen

von Dr. Heidrun Kolinsky, Wissenschaftlerin mit Erfahrung in theoretischer Modellbildung am 30. November 2000 um 14:19 Uhr
als Antwort zu: Zeitbuchungen gibt es schon jetzt in einigen Einrichtungen von Günter Krauß, ISKA am 30. November 2000 um 11:37 Uhr

Sehr geehrter Herr Krauß,

Sie schreiben:
"Unsicher ist der Beruf der Erzieher/in im Moment in ganz anderer Hinsicht: die dramatisch sinkende Zahl der Kinder
gefährdet im Moment Tausende von Arbeitsplätzen
(Größenordnung: 9000). Nach dem alten Förderrecht wohlgemerkt.
Das von uns vorgeschlagene Fördermodell würde dem ein
ganzes Stück entgegenwirken, da sich neue
Ausgleichsmöglichkeiten ergeben ... "

Jede Erzieherin, die das liest, wird erst einmal erschreckt
sein, um ihren eigenen Arbeitsplatz fürchten (oh, Gott,oh Gott!)
und nach dem angebotenen Strohhalm namens "das neue Fördermodell"
greifen.

Was Sie verschweigen, sind die konkret zu erwartenden
Auswirkungen Ihres ISKA-Modells auf die Beschäftigungssituation
der Erzieherinnen: weniger Tarifverträge,
mehr Zeitverträge, mehr Verträge über Stundenkontingente
und flexible Springerstellen (Erzieherin auf Abruf),
moeglicherweise 630,-DM-Jobs und insgesamt weniger
qualifiziertes pädagogischen Personal in den Einrichtungen,
weil das billiger zu haben ist, als eine qualifizierte
Erzieherin mit 5jähriger Ausbildung und evtl.
Zusatzqualifikationen wie einer Montessori-Ausbildung
und heilpädagogischem Wissen.

Ich habe Hochachtung für jede Erzieherin, die
sich für diesen verantwortungsvollen Beruf entschieden
hat und jeden Tag wertvolle pädagogische Arbeit
leistet. Unsere Erzieherinnen versuchen jeden Tag
in einer Gruppe von 25 und mehr
Kindern jedem einzelnen Kind gerecht zu werden.

Wenn man sich mit Fördermodellen auseinandersetzt,
gilt es, statt die berufliche Situation
dieser engagierten Menschen zu verschlechtern und
ungewisser zu gestalten, wie dies eine der Folgen
des ISKA-Modells mit fast an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit sein wird,
die Arbeitsbedingungen für Erzieherinnen zu verbessern.

Aber schauen wir uns erst einmal die von Ihnen, Herr
Krauß, genannte Zahl an: 9000 Arbeitsplätze von
Erzieherinnen wären gefährdet. Da kommen einem unmittelbar
2 Fragen in den Sinn:
- in welchem Zeitraum? In 100 Jahren, oder 50 oder
20 Jahre vielleicht?
- bezogen auf welche Fläche: auf die Bundesrepublik,
auf Bayern oder in den Modellstandorten?

Als nächstes fragt: warum sollen diese
Arbeitsplätze gefährdet sein?
- ach ja, dramatischer Rückgang der Geburtenziffern!!!

Stimmt das denn?
Betrachtet man die Zahlen des statistischen Landesamtes vom
November 1999, so haben wir eine Geburtenrate in Bayern von
1998 126.592 Kinder
und folgende _prognostizierte_ Zahlen:
1999 120.300 Kinder (Prognose)
2000 116.900 Kinder (Prognose)
2001 113.500 Kinder (Prognose)
2002 110.100 Kinder (Prognose)
2003 107.000 Kinder (Prognose)
Wir reden also über Kinder, die noch nicht geboren oder
noch nicht statistisch erfaßt (1999,2000) worden sind.
Selbst wenn man diese Zahlen als sehr wahrscheinlich
annimmt, kann sich jeder, der einen Taschenrechner
hat, ausrechnen, daß es um einen prognostizierten
jährlichen Rückgang in den Geburtenziffern von 3% geht.

Die gesamte Modellrechnung setzt voraus, dass sich an der Haltung
der Gesellschaft gegenüber Kindern nichts ändert. Insbesondere,
daß die Bereitschaft von Eltern, Kinder zu bekommen nicht zunimmt und auch nicht abnimmt. Eine Veränderung des staatlichen
Regelwerk der Familienförderung könnte sich hier durchaus etwas bewirken.

Bisher gelten nach dem bisherigen Fördermodell zwei
Grenzwerte:
1) erst Gruppen ab 15 Kindern erhalten eine
staatliche Förderung und
2) maximal 25 Kinder sollten in einer Gruppe sein.

1999 wurde diese Zahl, obwohl nur
in Ausnahmefällen zulässig, in 13,5% der
bayerischen Kindergärten überschritten (Quelle:
http://www.stmas.bayern.de/dat_fakt/kin2_4.htm).

Folgt man den Worten von Herrn Dunkl von Staatsministerium,
so sind nach dem neuen Fördermodell nur noch Einrichtungen
mit mehr als 20 Kindern pro Gruppe wirtschaftlich tragfähig.

Mit dem neuen Modell wird gleichzeitig, wie an den
Modellstandorten geschehen, die Obergrenze
für die maximale Anzahl der Kinder pro Gruppe von
bisher 25 aufgehoben.

Damit lassen sich noch mehr Kinder als bisher in
einer Gruppe unterbringen, während gleichzeitig kleinere
Gruppen mit 15-20 Kindern, in denen naturgemäß
intensiver auf das einzelne Kind als dies in einer
Großgruppe möglich sein kann, eingegangen werden kann,
auf dem "entfesselten Wettbewerbsmarkt", auf dem
unsere Kinder als Produktionsfaktoren für die
Wirtschaftlichkeit einer Einrichtung getrachtet werden,
nicht mehr überleben werden können.

Nach dem ISKA-Modell der "Marktorientierten
Steuerung" mit einem geförderten
Basiswert pro Kind und Zeit wird eine Einrichtung
umso wirtschaftlicher, je mehr Kinder sie pro Gruppe
aufnimmt und je weniger qualifiziertes Personal
sie beschäftigt.

Was dies für unsere Kinder und die pädagogische
Arbeit in den Einrichtungen bedeutet wird, kann sich
jeder fühlende Elternteil und jede engagierte
Erzieherin denken.

Das ISKA-Modell bedingt das Gegenteil von dem,
was Sie, Herr Krauß, versprechen, sofern man nicht auf
individuell zu erhebende Elternbeiträge
übergeht. Dann wäre es möglich, daß sich Reiche
gute Kindergärten mit kleinen Gruppen für Ihre Kinder
aussuchen, wären ärmere Eltern ihre Kinder
in Einrichtungen geben müssen, die nicht mehr als
Kindergärten, sondern als "Aufbewahrungsanstalten" zu
betrachten sind.

Ein alternativer Ansatz, wie die aktuell vorhandenen
Arbeitsplätze für Erzieherinnen gesichert werden können,
wobei gleichzeitig die pädagogische Qualität in den Einrichtungen
für unsere Kinder steigt (und dies auch noch
kostenneutral, sofern wirklich nicht an unseren
Kindern gespart werden soll), findet sich
im Forum Bayreuth unter dem Titel: "Konkrete Beispiele
funktionierender Altersmischungen".

Heidrun.Kolinsky@t-online.de




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