Faszinierend

von Gerd Detering, Fachberater für Tageseinrichtungen für Kinder am 27. September 2001 um 11:20 Uhr

Als Nordrhein-Westfale bin ich von den Beiträgen in diesem Diskussionsforum einfach nur fasziniert. Mir sind zwar die bayrischen Vorschläge zur Neugestaltung der Förderrichtlinien (das ist doch der strukturelle Rahmen für die Lebensbedingungen der Kinder in den Einrichtungen) bekannt, aber muss feststellen, dass ich ihre tatsächlich praktischen Konsequenzen unterschätzt bzw. nicht ernst genommen habe. Marktwirtschaftlich orientierte institutionelle Erziehung und Bildung ist zwar auch in NRW ein Thema, aber im wesentlich doch ein Thema der Finanzpolitiker. Erziehung und Bildung jüngerer Kinder wird hier (noch) - zumindest in der Fachöffentlichkeit - als pädagogisches Anliegen verstanden. Dass dazu eine qualifizierte Erziehungs- oder besser: Beziehungsarbeit mit ausreichenden und verläßlichen Rahmenbedingungen notwendig ist, ist unumstritten. Allerdings ist ebenso unumstritten (zumindest verbal), dass "Zeit für Kinder" das primäre strukturelle Qualitätsmerkmal ist. Denn eigentlich ist doch der Ausgangspunkt, dass Kinder in den Betreuungsinstitutionen Erwachsene brauchen die Zeit für sie haben, die ihre Anliegen ernst nehmen, die ihnen Orientierung, Anregung und Grenzen geben können.
Es ist doch fachlich unbestritten: die Zusammenfassung kleiner Kinder in 20-30er Gruppen ist eine rein ökonomisch-finanzielle Notwendigkeit und keine pädagogisch-psychologische Empfehlung. Eine Weiterentwicklung der Strukturqualität bedeutet deshalb, darauf abzuzielen nicht möglichst viel Kinder ein einer Einrichtung bzw. Gruppe zu betreuen, sondern ihre Anzahl zu verringern (und somit die Erwachsenen/Kinder-Relation, die "Zeit für Kinder" zu verbessern). Die "Betriebsauslastung" wäre also zu senken (und dies ggf. mit finanziellen Mitteln zu fördern).
Die bayrischen Förderrichtlinien scheinen nun auf das genaue Gegenteil ausgerichtet zu sein. Ich finde es faszinierend, wie diese Entwicklung offensichtlich in Bayern grosse Zustimmung findet und als "Qualitätssicherung" dargestellt werden kann.
Natürlich, aus Sicht der (notwendigen) Spar-Kommissare in den öffentlichen Haushalten ist der prognostizierte Rückgang der Kinderzahlen ein willkommener Anlaß die notwendigen Fördermittel einzufrieren oder zurückzuschrauben. Das ist ihr Job. Aber betroffene Menschen - Pädagogen, Erzieherinnen, Eltern, Kinder - müssten doch viel eher diese Prognosen zum Anlaß nehmen, endlich die (überfällige) Reduzierung der (Regel-)Gruppengrössen einzufordern. Stattdessen wird die (finanzielle) "Bestrafung" der Einrichtungen - in denen die Erwachsenen mehr Zeit für weniger Kinder haben - auch noch propagiert. Dies mag zwar den Gesetzen der Marktwirtschaft entsprechen, aber sollen diese auch für Menschen in sozialen Berufen und Tätigkeitsfeldern zum Maßstab ihrer Verantwortung werden? Ich weiß ja nicht... Ich glaube ich kann doch ganz froh sein nicht im (schönen) Bayern leben zu müssen.
Trotzdem, viele Grüsse aus NRW
Gerd Detering



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