Wo ist das Spannungsfeld?

von Gerd Detering, Fachberater für Tageseinrichtungen für Kinder am 28. September 2001 um 11:34 Uhr
als Antwort zu: Sind die Verhältnisse in NRW wirklich besser? von Barbara Perras-Emmer, Städt. Kindergarten Parsberg am 27. September 2001 um 11:54 Uhr

Sehr geehrte Frau Perras-Emmer!
Die Diskussion um die Finanzierung der Tageseinrichtungen für Kinder (unter diesen Begriff werden in NRW alle Kindergärten, Kindertagesstätten und Horte zusammengefasst) ist natürlich auch bei uns ein grosses Thema. Allerdings nehme ich z.Z. noch dies vor allem als Auseinandersetzung zwischen Finanzpolitik auf der einen Seite und Jugendhilfe auf der anderen Seite wahr. In Bayern scheint es mir doch sehr so, als würde sich die Jugendhilfe inzwischen zu Finanzinspektoren entwickeln, d.h. ihre originäre Aufgabe (also die Entwicklungsförderung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfahigen Persönlichkeit, s. §22 SGB VIII) immer weiter in Richtung der Entwicklung von Förder- und Finanzierungskonzepten zu verändern. Das natürliche (und notwendige) Spannungsfeld zwischen der am Kindeswohl orientierten Jugendhilfe und der (Finanz-)Politik bzw. den anderen Politikfeldern leidet darunter. Die Entwicklung angemessener Angebote, Standarts und Leistungen auch im Kindergartenbereich ist häufig ein Aushandlungsprozess - ein "Vergleich" zwischen unterschiedlichen Interessen und Prioritäten - wobei Jugendhilfe in der Regel schon eine parteiliche Position einzunehmen hat. Dadurch können und werden meiner Erfahrung nach tragfähige Kompromisse erarbeitet - tragfähig und vertretbar für beide / alle Seiten.
Ich vermisse dieses Spannungsfeld (oder sehe es nicht) in der gegenwärtigen Auseinandersetzung um die neuen Förderrichtlinien in Bayern. Mein subjektiver Eindruck ist zunehmend, dass sich auch die Fachkräfte (einschl. ISKA) immer mehr in die Analyse neuer Finanzierungsmodell bzw. um sogenannte "markt- und qualitätsorientierte Steuerungsmodelle“ sorgen. Als konservativer Mensch in der Kinder- Jugendarbeit hänge ich wohl immer noch den „guten alten Zeiten“ nach, als sich nicht nur die Praxis der Tageseinrichtungen für Kinder, sondern auch die sie begleitenden Beratungen und Institutionen - vielleicht auch manchmal sehr einseitig - am schönen Begriff des „Kindeswohls“ orientierten. Und damals war der Zeitbegriff, „Zeit für Kinder“, selbstverständlich von zentraler Bedeutung. Denn ohne Menschen, die sowohl die Zeit als auch die angemessenen Rahmenbedingungen haben, um sich um die Entwicklungsförderung der Kinder kümmern zu können, läuft ja garnichts.
In NRW existiert dieses Spannungsfeld m.E. noch und die Bedingungen in den Tageseinrichtungen halte ich für überwiegend ausreichend. Das hat aber nichts mit „besser“ im Sinne eines konkurrierenden Vergleichs zwischen den verschiedenen Bundesländern zu tun; dazu kenne ich die unterschiedlichen Bedingungen viel zu wenig.
Ich konstatiere nur einen allgemeinen Trend in der Jugendhilfe und den Tageseinrichtungen für Kinder von der „Kind-Orientierung“ zur „Markt-Orientierung“, der mir in Bayern schon weiter fortgeschritten scheint. Und natürlich bin ich davon nicht begeistert. Mit Erstaunen muss ich auch registrieren, dass scheinbar dieser Trend auch von immer mehr, meist jüngeren Fachkräften und Fach-Institutionen mehr oder weniger begeistert unterstützt wird. Läuft da nicht irgendwas falsch?
Ein schönes Wochenende und freundliche Grüsse
Gerd Detering



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