Mein persönlicher Fragenkatalog an die Träger, gleichzeitig Antwort auf die Beiträge von Frau Dr. Kolinsky und Pfarrer Haag

von Dunkl am 04. Dezember 2000 um 18:11 Uhr
als Antwort zu: Danke für die klare Analyse von Pfarrer Matthias Haag, Erlangen am 01. Dezember 2000 um 12:01 Uhr

Sehr geehrte Frau Dr. Kolinsky


Zugegeben, geschickt und effektvoll haben Sie Kritik geäußert. Leider muss ich bezweifeln, dass Sie unsere Intentionen wirklich verstanden haben. Dies ist ein Vorwurf, den wir an uns richten müssen. Offensichtlich müssen wir noch deutlicher unsere Vorstellungen artikulieren. Ich möchte mit folgendem Beitrag damit beginnen:

Niemand möchte Erzieherinnen Angst machen! Doch es ist unsere Aufgabe als oberste Lan-desjugendbehörde auf Entwicklungen zeitig hinzuweisen, auf Fehlentwicklungen aufmerk-sam zu machen und Lösungen zu erarbeiten. Unsere Messlatte ist das Wohl des Kindes und der Familien. Und selbstverständlich stellen wir arbeitsmarktpolitische Überlegungen an.


Bevölkerungsentwicklung:

Natürlich kennen wir heute noch nicht die Zahl der Geburten in 5, 10 oder 20 Jahren. Gebo-ren sind aber bereits die Mütter dieser Kinder. Diese Zahlen sprechen eine eindeutige Spra-che:

Zahl der weibliche Personen Geburtsjahrgang
1968: 100773
1969: 96444
1970: 89188
1971: 84393
1972: 76887
............
1980: 64328
1981: 64229
1982: 63916
1983: 61910
...........
1985: 61596
......
Anstieg bis Geburtsjahrsgang 1990:
1990: 69890
wiederum Rückgang bis Geburtsjahrgang 1998:
1998: 61538;
Quelle: LStDV

Die Zahl "potentieller" Mütter geht somit um ca. 40% zurück, bevor eine leichte Erholung eintritt. Wenn man sich darüber hinaus vergegenwärtigt, dass in Deutschland die Geburten-rate gerade bei 1,4 Kindern liegt, 30 % aller Frauen kein Kind bekommen und das durch-schnittlich Alter der Mutter bei der Geburt des ersten Kindes im Jahre 1999 28,7 Jahre be-trug (!970: 24,3 Jahre, 1991 26,9), so besteht u.E. kein Zweifel daran, dass die Zahl der Kin-der dramatisch zurückgeht.


Auswirkungen im Kindergartenbereich


Die rückläufigen Kindergärten wird in den verschiedenen Regionen zu unterschiedlichen Zeitpunkten spürbar werden. Während manche Einrichtungen heute noch überbelegt sind und leider immer noch Wechselgruppenplätze angeboten werden, werden andernorts schon heute Gruppen geschlossen. Viele Einrichtungen werden künftig günstigere Bedingungen mit ca. 20 Kindern in der Gruppe aufweisen. Die Erfahrung lehrt aber auch, dass die Träger oft-mals nicht die Gruppenstärke auf verträgliche Größenordnungen abschmelzen, sondern - wie beobachtet werden konnte - zum erstbesten Zeitpunkt Gruppen zusammenlegen und Personalkosten einsparen. Träger orientieren sich also an der Wirtschaftlichkeit ihrer Ein-richtung. "Marktüberlegungen" werden fürwahr also nicht erst seit Veröffentlichung des Fi-nanzierungsvorschlags von ISKA in den Kindergarten angestellt. Auch bei eingruppigen Kin-dergärten, die nicht das einzige Angebot darstellen, sondern in Konkurrenz zu anderen Ein-richtungen stehen, wird sich in den nächsten Jahren bei fehlenden Kindern zwangsläufig die Frage der Rentabilität stellen. Der prognostizierte Rückgang der Elternbeiträge in einer Grö-ßenordnung von 100 Mio. DM bis ca. 2010 lässt diese Effekte leicht nachvollziehen. Im worst case könnten in 10 Jahren ca. 3800 Kindergartengruppen und knapp 9000 Arbeitsplätze betroffen sein. Manch Erzieherin wäre dann froh, wenn ein Ausweg in "mehr Zeitverträge oder flexible Springerstellen" bestehen würde. Soweit muss es aber gar nicht kommen:

Unsere bisherigen Maßnahmen:

Deregulierung: Wir haben in den letzten Jahren die Trägerkompetenzen gestärkt. Wer die Verantwortung vor Ort trägt, soll bessere Entscheidungsmöglichkeiten haben.
Maßnahmen: Mehrfachnutzung von Kindergartenräumen, förderunschädliche Umwidmung freier Räume, gemeinsame Leitung (Kindergarten/Hort).
Ferner: Um den Anreiz zu erhöhen, Kapazitäten aufrechtzuerhalten, wurde die Altersöffnung der Kindergärten vollzogen. Diese Angebot ist freiwillig. Der Träger entscheidet, ob er dieses Angebot annimmt, ob hierfür geeignete Rahmenbedingungen vorliegen bzw. ob er bereit ist, diese zu schaffen. Der Träger eruiert auch, ob sein Personal bereit ist, altersgruppenüber-greifend zu arbeiten. Die Ausbildung haben Erzieherinnen dafür. Seit 1999 wird die Altersöff-nung im Rahmen eines Modellversuchs auch bei der Bemessung der Personalkostenförde-rung berücksichtigt. Dadurch konnte z.B. die tarifliche Herabgruppierung des Leitungsperso-nals in 98 Fällen verhindert werden. Die Empfehlung einer Gruppenstärke von max. 18 Kin-dern im Falle der Aufnahme von Schülern oder Kleinkindern gilt übrigens nach wie vor.
Verwaltungsvereinfachung: Einführung der EDV- gestützten Personalkostenförderung, dadurch schnellere Auszahlung ermöglicht (schon vergessen???). Erhöhung der Gruppen-stärken in eigener Verantwortung des Trägers, sofern innerhalb eines Kindergartenjahres (Vermeidung des Aufbaus von Überkapazitäten!). Trägerfreundliche Lösungen zur Personal-kostenförderung (Stichwort Sabbatjahrmodelle, Jahresarbeitszeitmodelle, Vorruhestandsregelungen).

Lösungsvorschlag für die Zukunft: Änderung des Finanzierungskonzepts:

Mit der markt- und qualitätsorientierten Steuerung wollen wir noch einen Schritt weiter gehen. Erstmals sollen staatliche Förderung und Qualitätsentwicklung verknüpft werden. Leis-tung soll sich rentieren. Den Trägern sollen weitere Kompetenzen eingeräumt werden. Durch die Budgetierung der Zuschüsse erhält der Träger neuen Gestaltungsspielraum. Durch fle-xible Dienstplangestaltung und Umorganisation sollen Arbeitsplätze gesichert werden. Die Abrechnung der Zuschüsse wird um ein Vielfaches vereinfacht. Eltern bekommen einen ganz anderen Stellenwert. Ihre Mitwirkungs- und Einflussmöglichkeiten mit dem Ziel einer Erziehungspartnerschaft sollen verbessert werden.

Insgesamt sollen Organisation und Betrieb eines Kindergartens flexibilisiert werden. Es ist natürlich eine Gratwanderung, einerseits weiter zu deregulieren, andererseits aber Qualitäts-standards nicht gefährden zu wollen. Wir sind aber optimistisch, dass mit der Deregulierung keine Absenkung der Qualitätsstandards einhergeht. Zum einen handeln die Träger ganz überwiegend qualitätsbewusst und werden ihre gewonnene Handlungsfreiheit nicht missbrauchen. Zum anderen wird die Transparenz der Einrichtungen (siehe unter www.kita-bayern.de) entsprechende Fehlentwicklungen kaum zulassen. Gewisse staatliche Vorgaben sind aber unabdingbar. Hierzu zählt die Qualifikation des Personals. Auch in Zukunft ist es daher nicht möglich, Kindergärten ohne qualifiziertes Personal zu betreiben. Darüber hinaus wird eine Begrenzung der Kinderzahlen notwendig sein.
Im Fall der Gruppenstärke wollen wir jedoch einen neuen Wege beschreiten. In den Modell-regionen wird anstatt einer Höchstgruppenstärke und der 8- Kinder- Regelung ein Anstel-lungsschlüssel erprobt. Nutzungszeiten und Arbeitszeiten werden ins Verhältnis gesetzt. Zunächst ist von der Modellkommission ein Schlüssel vorgegeben (kein Personalschlüssel!), der lediglich die Grenze zur Kindeswohlgefährdung beschreibt. Auf einen "optimalen " Schlüssel wurde zunächst verzichtet.

Was die Qualität anbelangt, besteht durch die Loslösung von der Gruppenstruktur "Regel-gruppengröße 25 Kinder" die reelle Chance, neue Akzente zu setzen. Es können innerhalb der Einrichtungen z.B. Kleingruppen gebildet werden, ohne dass auf das bisher so starre Förderrecht geachtet werden muss (bisher schon in der Praxis anzutreffen, aber im Grunde nach BayKiG rechtswidrig!). Auf die einzelnen Kinder kann dann intensiver eingegangen werden. Der Träger kann, wenn es seine Dienstplangestaltung zulässt, seine Leiterin vom Gruppendienst befreien. Durch altersgruppenübergreifende Konzepte können pädagogisch günstige, familienähnliche Strukturen geschaffen werden.

Persönliche Kritik:

Was verwundert, ist die Einlassung nicht weniger Träger zum Abbau staatlicher Vorschriften. Mir scheint, also ob Träger- insbesondere von kirchlichen Einrichtungen- gar nicht wollen, dass es auf ihre Entscheidung und Verantwortung ankommt. War es doch so bequem, auf die Vorgaben des Staates zu schimpfen. Wie liegt es mir noch im Ohr: "Die Bürokratie tötet jegliche Kreativität....eine flexible Dienstplangestaltung ist wegen der starren Vorgabe des BayKiG nicht möglich...., der Staat mischt sich überall hinein..., wir brauchen keine staatliche Fachberatung".
Warum wollen manche Träger diese Chancen der Deregulierung nicht ergreifen, wenn sich der Staat nach Jahren des Lamentierens endlich auf diese Kritik einlässt? Warum sehen Träger nur Lasten? Weshalb ist das Misstrauen gegenüber dem Staat so groß? Hat der Staat den Träger nicht nach Möglichkeiten unterstützt? Hat die Staatsregierung nicht sein Wort gehalten, dass es keine Kürzungen im Betreuungsbereich gibt? Haben die Träger etwa Angst, dass ihr Kindergarten im Vergleich schlecht abschneidet? Wollen sie sich der Kritik nicht stellen? Haben sie Angst davor, dass Eltern ihre Wünsche formulieren. Ich frage: Sind Träger tatsächlich so wenig selbstbewusst?

Auch die Frage von Pfarrer Haag vom 1.12 kann ich nicht nachvollziehen: "Für die evangelischen Träger stellt sich immer wieder die Frage, ob sie mit den neuen Förderrichtlinien über-haupt noch sinnvoll evangelische Kindertagesstätten betreiben können." Für wen spricht Pfarrer Haag. Sind es wirklich d i e evangelischen Träger? Wer hat denn in den vergangenen Jahren auf Qualitätsmanagement gesetzt? Wer fordert denn ein Kindertagesstättengesetz?

Weiter mein Fragenkatalog: Worin konkret besteht diese Verunsicherung? Können doch die Träger wie bisher, ihren Kindergarten auch in einem Finanzierungskonzept einer markt- und qualitätsorientierten Steuerung in der bekannten und bewährten Form des Kindergartens für Kinder ab Vollendung des dritten Lebensjahres fortführen. Sobald sich die rückläufigen Ge-burtenzahlen bemerkbar machen sollten, können sie die Gruppenhöchststärke entsprechend absenken und damit die pädagogischen Bedingungen verbessern. Warum bedarf es hierfür einer staatlichen Vorgabe? Für den Ausgleich der fehlenden Elternbeiträge sucht der Träger Lösungen in seinem Bereich oder in Verhandlungen mit der Gemeinde.

Auch die Besorgnis, der einzelne Kindergarten bekomme weniger Geld, dürfte sich endlich nicht bestätigen. Die Fördergelder werden nicht gekürzt. Es wird zwar moderate Umschich-tungen geben, die ganz überwiegende Mehrheit der Kindergärten können jedoch mit Zu-schüssen in gleicher Größenordnung rechnen. Dass künftig lediglich Einrichtungen mit mehr als 20 Kindern pro Gruppe wirtschaftlich tragfähig seien, habe ich im Übrigen nie behauptet.

PS.: Die Annahme, der Freistaat fördere keine Gruppen unter 15 Kindern ist falsch. Es erfolgt eine anteilige Kürzung: bei 13 Kindern Zuschüsse in Höhe von 13/15. Erst bei Absinken unter 10 Kindern entfällt die staatliche Förderung.



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