In Bayern andere Berechnungsgrundlagen

von Barbara Perras-Emmer, Städt. Kindergarten Parsberg am 16. Oktober 2001 um 08:14 Uhr
als Antwort zu: Habe ich es richtig verstanden? von Gerd Detering, Fachberater für Tageseinrichtungen für Kinder am 11. Oktober 2001 um 09:17 Uhr

Sehr geehrter Herr Detering,

gehe ich recht in der Annahme, dass Sie beim hoch rechnen der Basiswerte von einer 50:50 Fianzierung ausgegangen sind? In Bayern haben wir eine andere Finanzierung: 20 % Träger (umgelegt auf die Elternbeiträge), 40 % Kommune und 40 % durch den Freistaat. Wir haben somit auch eine mindestens 80 %ige Förderung mit öffenlichen Mitteln, bei kommunalen Trägern 100 %.

Ein Kindergartenplatz (nur Personalkosten) kostet somit für "Regelkinder" von 6 bis 7 Stunden täglich in LL DM 5873, in Bayreuth DM 6160; bei einem Besuch von 7 und mehr Stunden in LL DM 6712 und in Bayreuth DM 7040. Die Elternbeiträge können so gestaltet werden, dass sie etwa die 20 % des Trägeranteils der Personalkosten decken, oder sie schließen einen Teil der weiteren Betriebskosten mit ein. Für das Betriebskostendefizit haben die freien Träger sogenannte Defizitabkommen mit den Kommunen mit 80 bis 100 %iger Deckung. Das bedeutet z. B. für uns in Parsberg, dass für jedes Kind des Städt. und des Kirchlichen Kindergartens neben den genannten Personalkosten bis zu DM 1.000 (durchschnittlich DM 700) jährlich von der Stadt bezuschusst werden. Somit kommen wir in etwa in die selbe "Preislage" wie NRW.

Kinder unter 3 Jahren im Regelkindergarten meint nur 2- bis 3jährige Kinder. Ich denke, es macht einen Unterschied, ob alle Kinder im Krippenalter als Betreuungsdurchschnitt gerechnet werden oder nur 1 Jahrgang. Die 2jährigen im Regelkindergarten sind eine schnelle Antwort auf das neue Erziehungszeitengesetz, bei dem davon ausgegangen wird, dass viele Eltern nur 2 Jahre Erziehungsurlaub unmittelbar nach der Geburt in Anspruch nehmen werden und das 3. Jahr später, z. B. zum Zeitpunkt der Einschulung. Bei einer entsprechenden Konzeption betrachte ich die 2jährigen eher als eine Bereicherung der Pädagogik: '"Selbst wenn wir tausend Kinder und einen Schulpalast hätten, würde ich meinen, es sei immer ratsam, Kinder eines Altersunterschiedes von drei Jahren beisammen zu haben," sagt Maria Montessori und weist auf eine ganze Reihe von Bereicherungen der päd. Palette hin: "Die altersspezifischen Auffälligkeiten, mit denen sich Gleichaltrige gegenseitig induzieren, werden gedämpft. Der Anregungsreichtum, der das Lernen voneinander fördert, wird so groß wie in der Kinderstube der Familie. Das Denken der älteren Kinder ist dem der jüngeren noch sehr nahe, so daß sie ihnen zum 'Begreifen' verhelfen, während wir deren Intelligenz kaum zu erreichen wissen. Das ältere Kind fühlt sich als Beschützer des jüngeren, während es in der Gruppe der Gleichaltrigen leicht zu Rivalitäten kommt."' (Haberl, Herbert, Hrsg.: Integration - die Vielfalt als Chance. Freiburg im Breisgau 1995, S. 26)

Die Berechnung nach Bildungs- oder Erziehungsstunden ist sicher nur für Insider verständlich: In vielen Gebieten Bayerns, vor allem aber in der Oberpfalz wurden vor über 25 Jahren mit der Einführung des Kindergartengesetzes (BayKiG) bzw. der maximalen Gruppenstärke die Plätze knapp. So wurden kurzerhand reine Vormittagsgruppen und reine Nachmittagsgruppen als sogenannte Wechselgruppen eingeführt. Aus 25 Ganztagsplätzen wurden schnell 50 (Halbtags-)Plätze, das "halbtags" wurde gerne weggelassen. Als Erleichterung für die stärker belasteten Erzieherinnen sollten nur 23 Plätze belegt werden, was vormittags kaum gemacht wurde.

Aus diesem Grund haben wir buntgemischte Kindergartensituationen: z. B. Wechselgruppen mit Vormittagsöffnung von 7.45 Uhr bis 11.30 und nachmittags von 12.30 bis 16.15 Uhr, Vollzeitbeschäftigung mit 38,5 Wochenstunden bei 1 Wochenstunde Verfügungszeit für das Personal. Bei einer (nahezu) festen Bring- und Abholzeit bedeutet das 37,5 Stunden pro Woche die volle Kinderzahl - und als Gegensatz: Langzeitgruppen mit einer Öffnungszeit von 7.30 Uhr bis 13.30 Uhr, Bringzeiten bis 9.30 Uhr und Abholzeiten ab 12 Uhr mit einer Mindestzahl von 8 anwesenden Kindern in den Randzeiten. Nur 30 Wochenstunden direkter Dienst mit Kindern, davon die halbe Zeit mit (extrem) verminderter Kinderzahl.

Damit nun die neue Finanzierung einigermaßen gerecht werden kann, wird der Weg über die von den Eltern gewählte Betreuungszeit gewählt. Klar, dass manche Träger Interessen vertreten, welche volle Kinderzahl bei geringer Verfügungszeit favorisieren, Erzieherinnen in begünstigten Langzeitgruppen ihren "Besitzstand" wahren wollen und andere Kolleginnen von solchen Bedingungen träumen. Tatsache ist jedoch, dass die zurückgehenden Kinderzahlen ermöglichen, Nachmittagsgruppen abzubauen und die pädagogisch längere Betreuungszeit in langen Vormittagsgruppen einzuführen. Der Einschnitt in den Stellenplan würde damit nicht so gravierend ausfallen.

Nun gibt es aber auch Kolleginnen, welche sich von ihren alten Förderplänen, Tagesabläufen und erzieherorientierten Angeboten verabschieden müssten und sich deshalb lieber mit den Trägern solidarisch erklären, ohne zu bedenken, dass heute eine andere Pädagogik gefragt ist und der Rückgang der Kinderzahlen nicht aufzuhalten ist. Ich befürchte manchmal, dass in Einrichtungen Gruppenräume leer stehen werden und nebenan die altgedienten, kostengünstigen Wechselgruppen stattfinden.

Eines wird die neue Förderung voraussichtlich auch nicht ausgleichen, nämlich dass es nicht "lohnend" ist Ganztagsgruppen bis 17.00 Uhr oder länger anzubieten. Es gehört nach wie vor viel Engagement dazu, auch ohne entsprechende Förderung länger als bis 15.30 Uhr in der Einrichtung zu bleiben. Und ob der Aufwand der Mittagessenszubereitung und -ausgabe durch den Unterschied des Basiswertes zwischen 6 und 7 Stunden Anerkennung findet, glaube ich auch nicht. Hier muss die neue Förderung sicher noch überdacht werden.

Als Abschluss möchte ich noch einmal auf die großzügigeren Raumbedingungen bei uns hinweisen. Wir betrachten unsere Räume als "dritte" Erzieher, welche den Kinder Eigentätigkeit und größere Selbständigkeit erlauben. Unter dem stets wachsamen Auge der übertriebenen Aufsichtspflicht können die Kinder weder Verantwortung für ihre eigene Person übernehmen noch kann sich Kreativität und Spontaneität entwickeln. Kinder brauchen Zeit und Raum für ihre Entwicklung. (vgl. www.kindergartenpaedagogik.de/479.html)
Raum kostet auch Geld ...

Ich hoffe nun, unsere bayerischen Spezialitäten etwas verständlicher erklärt zu haben!?

Mit freundlichen Grüßen

Barbara Perras-Emmer



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