Stellungnahme kirchlicher Träger in Erlangen

von Matthias Haag, Pfarrer am 15. Dezember 2000 um 09:55 Uhr

Die Erlanger kirchlichen Träger werden der Stadt Erlangen folgendes Papier übergeben mit der Biitte um Weiterleitung an Frau Staatsministerin Barbara Stamm:

Stellungnahme der Träger der kirchlichen Kindertagesstätten im Raum Erlangen...

Im Jahr 2000 haben die evangelischen und die katholischen Pfarrer und Pfarrerinnen in Gesprächen mit Oberbürgermeister Dr. Balleis und mit der CSU-Fraktion und SPD-Fraktion wiederholt auf ihre Bedenken hinsichtlich der angedachten neuen Förderrichtlinien für Kindertagesstätten hingewiesen.
Wir haben sie in den folgenden 12 Punkte schridtlich formuliert.
Wir bitten die Vertreter der Stadt, unser Anliegen zu unterstützen und unsere Stellungnahme Frau Staatsministerin Stamm bei ihrem Besuch in Erlangen im Januar 2001 zu übergeben.
1.Eine künftige Förderung pro Kind und Nutzungszeit stellt die Förderung ganz ab auf das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Nicht das Wohl des Kindes steht im Vordergrund, sondern die Finanzierbarkeit. Nicht die Pädagogik ist maßgebend, sondern das Gesetz des Marktes. Die Kunden sind die Eltern.

2. Die neue Regelung bedeutet keine Vereinfachung, sondern eine Vermehrung des Verwaltungsaufwandes. Sowohl die Erzieherinnen als auch die Verwaltungsmitarbeiter der Träger werden durch die neue Regelung stärker als bisher belastet, ohne daß diese Mehrbelastung in den Förderungsbeitrag eingerechnet ist oder mit der Nutzungszeit verrechnet wird.

3. Durch die geplanten Veränderungen werden Tarifvereinbarungen ausgehebelt. Es ist arbeitsrechtlich nicht möglich, die Arbeitsverhältnisse und Arbeitszeiten des Personals ständig den sich verändernden Kinderzahlen und Nutzungszeiten anzupassen.

4. Die Mitarbeiterinnen verlieren ihre bisherige Sicherheit. Bei den voraussehbaren Schwankungen in der Belegung der Kindergartenplätze werden viele Ganztagesstellen zu Teilzeitstellen werden. Dadurch wird der Beruf der Erzieherin weniger attraktiv. Eine Qualitätssicherung oder Steigerung ist aber nur mit gut ausgebildetem und motiviertem Personal möglich.
Selbverständlich muß auf stark zurückgehende Kinderzahlen auch mit Personalkürzungen reagiert werden. Dies ist auch bei der bisherigen Personal - förderung der Fall, da für die Förderung einer Gruppe eine Mindestzahl von Kindern erforderlich ist.

5. Die bisher möglichen und sinnvollen Verfügungszeiten für die Mitarbeiterinnen werden im angedachten Basisbetrag nicht berücksichtigt. Sie werden künftig ins Belieben und in den mehr oder weniger großen finanziellen Ermessensspielraum der Träger gestellt. Unberücksichtigt bleiben die Elternarbeit, die Verwaltungsaufgaben, die Besorgungen, die Vorbereitung von Festen und dergleichen.

6. Die fachliche Qualifikation der Mitarbeiterinnen muß gewährleistet bleiben. Es wäre fatal, wenn künftig aus finanziellen Gründen auf pädagogisch qualifizierte Kräfte verzichtet werden müßte! Das 4. - 6. Lebensjahr ist für die Persönlichkeitsentwicklung und für das soziale Verhalten eines Kindes von entscheidender Bedeutung. Wer hier spart, spart an der falschen Stelle.

7. Für die Kinder bedeutet eine allein den Elternwünschen angepaßte Öffnungszeit den Verlust der Gruppe. Die Gruppe ist aber wichtig, damit Kinder lernen, sich in eine Gemeinschaft einzufügen. Deshalb müssen unbedingt Kernzeiten gewahrt bleiben, damit soziales Verhalten im entsprechenden Rahmen gefördert werden kann.

8. Den dikutierten Mindest-Personalschlüssel mit 1 : 16,6 halten wir für wesentlich zu hoch. Die früher als Bildungseinrichtung geschätzte Kindertagesstätte verkommt damit zur Kinderaufbewahrungsstätte.

9. Die Elternbeiträge müssen sozialverträglich bleiben. Es ist zu befürchten, daß die geplante Neufinanzierung zu einer Erhöhung der Elternbeiträge führt. Kinder aus sozial schwächeren Schichten sind dann benachteiligt.

10. Die bisherigen Förderungsrichtlinien sind verbesserungsfähig. So sollten Gruppen mit überlanger Öffnungszeit stärker gefördert werden als Gruppen mit minimaler Öffnungszeit. Ebenso verdienen Gruppen mit einem sehr hohen Anteil an Ausländerkindern oder anderen Kindern, die eine stärkere Zuwendung brauchen, eine intensivere Förderung. Aber deshalb muß nicht von dem Grundsatz abgewichen werden, daß grundsätzlich das benötigte Personal und nicht die die vorhandene Kinderzahl gefördert werden.

11. Die sinkenden Kinderzahlen in den kommenden Jahren verlangen von den Kindertagesstätten Flexibilität. Das damit verbundene Risiko darf aber vom Staat nicht allein auf die Träger verlagert werden.
Die Träger haben auf die demographische Entwicklung keinen Einfluß.
Der Staat hat jedem Kind einen Kindergartenplatz garantiert. Darum haben die Träger auf Drängen des Staates neue Plätze geschaffen und neues Personal angestellt. Der Träger trägt schon jetzt das volle Risiko der fehlenden Elternbeiträge, wenn eine Gruppe nicht mehr voll belegt ist. Er kann nicht auch noch das alleinige Risiko für die wegfallende Personalkostenbezuschussung tragen.

12. Die finanziellen Möglichkeiten für die kirchlichen Träger sind ausgereizt. Eine weitere finanzielle Belastung könnte zur Schlöießung von kirchlichen Kindergärten führen, da eine stärkere Förderung durch Kitrchensteuermittel nicht möglich ist.
Die Garantie eines Kindergartenplatzes für jedes Kind kann nur aufrecht erhalten werden mit dem Risiko, daß in den Kindergärten zeitweise einige Plätze nicht belegt sind, denn in einer Stadt wie Erlangen besteht bei den Eltern eine große Fluktuation. Das unkalkulierbare finanzielle Risiko von nicht belegten Plätzen kann der Träger allein nicht tragen.
Die Kirchen in Erlangen und Umgebung haben in den letzten Jahren viel in ihre Kindertagesstätten investiert. Sie wollen sich gern weiterhin in diesem Bereich engagieren. Sie brauchen dazu auch in Zukunft eine vertrauensvolle und partnerschaftliche Unterstützung durch die Kommunen und den Staat.



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