Unterschiedliche Erfahrungen

von Alexandra Röthlingshöfer, Fachberaterin f. Evang. Tageseinrichtungen, Bayreuth am 27. März 2002 um 13:34 Uhr
als Antwort zu: Verwaltung der Buchungszeiten von Silvia Herzig, Evang. Kindergarten Bad Staffelstein am 14. März 2002 um 01:19 Uhr

Liebe Frau Herzig,
Liebe Frau Fuchs,

ich kann aus der ersten Erfahrung mit Buchungen und Buchungszeiten den Beitrag von Frau Fuchs bestätigen. Es gibt auch bei unseren 26 evang. Einrichtungen, die am Modell im Raum Bayreuth teilnehmen, unterschiedliche Erfahrungen. Als entlastend empfinde ich jedoch, dass sich viele der Befürchtungen, die Frau Herzig äußert, in der Praxis erstmal nicht bestätigen.

Sicher gibt es Fälle (und in manchen Kindergärten häufiger als in anderen), wo Eltern (zu) knapp gebucht haben oder überziehen und mit denen man über die Buchungen reden muss. Insbesondere dann, wenn Eltern sich über mangelnde Flexibilität beklagen, aber die mögliche Flexibilität nicht buchen.

Aber es hält sich in Grenzen. Und in vielen Fällen "läuft es so wie immer" - so die Aussagen der Pädagoginnen.

Wir haben mit der flexiblen Wochenbuchung bisher die besten Erfahrungen, weil sie dem Bedarf von vielen Familien entspricht und der Praxis, wie sie bisher in vielen unserer Kindergärten üblich war, sehr nahe kommt. So können die Kinder und Familien den Kindergarten variabel in Anspruch nehmen (das wollen viele Familien laut Elternumfragen). Und der Kindergarten oder Hort kann bedarfsgerechte Öffnungs- und Nutzungszeiten anbieten. (Das ist wiederum ein zentrales, in den Konzeptionen formuliertes, Ziel).

Flexibilität ist bei der Wochenbuchung besser gewährleistet, als bei einer Buchung einer bestimmten Zeit am Tag. Eltern können selbst mitbestimmen, wie flexibel sie es haben wollen. Beispiel: eine Familie bucht bei 30 Stunden in der Woche die Kategorie 5 - 6 Stunden. Eine andere Familie bucht bei gleicher durchschnittlicher Betreuungszeit die Variante 6 - 7 Stunden, Dafür hat man in der Woche 5 Stunden legale Flexibilität (z. B. für folgende Fälle: Kind möchte noch im Kindergarten bleiben, Überstunden fallen ungeplanterweise an, usw.) - und das im Falle Bayreuth Stadt/Land für 7 Euro mehr IM MONAT.

Verblüffend ist, dass die Buchung der Familien in der ganzen Stadt Bayreuth IM DURCHSCHNITT in etwa dem entspricht, was die Leiterinnen bei der Ist-Stand-Erhebung als Verweildauer der Kinder IM DURCHSCHNITT angegeben hatten.

Unsere evang. Modell-Einrichtungen in Bayreuth Stadt und Land haben nun mehrheitlich die sog. Wochenbuchung eingeführt, in der Eltern einen Rahmen innerhalb einer Woche buchen können und diese Zeit dann variabel nutzen. Fest ist dabei i. d. R. nur die sog. Kernzeit von 9.00 - 12.00 Uhr. (Andere Modelle sind jedoch auch denkbar, z. B. bei Saisonarbeit, oder eine längere Betreuung in bestimmten Wochen wird in die Buchungszeit einbezogen).

Meine Beobachtung der Lage deckt sich noch an einem weiteren Punkt mit dem Bericht von Frau Fuchs: die Eltern, die bisher schon flexible Zeiten genutzt haben, der Kindergarten also eine entsprechende Nachfrage und Konzeption hatte, tun sich mit der Wochenbuchung leichter, die Buchungen sind i. d. R. sehr realistisch.

Ebenso gehen Erzieherinnen, die mit sehr flexiblen Öffnungszeiten Erfahrungen haben, mit der veränderten Buchungssituation meist gelassener um. Z. B. hat der Kindergarten Obernsees SEIT JAHREN folgende Öffnungszeiten: Bringzeit von 7.00 - 9.00 Uhr. Abholzeit von 12.00 - 16.30 Uhr. Also äußerst flexibel. Die Umstellung auf bestimmte Buchungszeiten verlief recht umproblematisch, weil die Eltern in etwa wussten, wieviel sie nutzen bzw. nutzen wollen, wussten, was ihnen wichtig ist, welche Angebote sie nutzen (wollen) oder nicht.

Das Modell schreibt keine Überprüfung der Anwesenheit von Kinder vor. Trotzdem wollen fast alle - schon aus eigenem Interessen - eine Sicherheit haben, ob Buchungszeit und Nutzungszeit in etwa übereinstimmen. Da es keine Vorgaben seitens der Modellmacher bzgl. Überprüfung der Anwesenheit gibt, haben die Praktiker und Praktikerinnen es sehr verschiedene Varianten entwickelt. Die Erzieherinnen sind sehr kreativ und man wird eine bunte Palette der Erfahrungen bekommen und man wird sicher gut voneinander lernen können.

Einige Beíspiele:
Manche verzichten fast ganz auf Überprüfung, weil sie der Überzeugung sind, dass sie die Gruppen im Überblick haben und ihnen grobes Überziehen auffallen würde. Andere machen Stichproben. Manche nehmen die, die knapp gebucht haben und nach ihrer Ansicht überziehen "ins Visier" und notieren dann Anwesenheiten, um gesicherte Informationen (z. B. für ein Gespräch mit den Eltern) zu erhalten.

Ein Kindergarten hat zusammen mit dem Elternbeirat für die ersten 3 Monate vereinbart, dass die Eltern selbst auf einen über dem Platz des Kindes hängenden Zettel die Anwesenheit eintragen, ein anderer hat die sowieso zu führende Anwesenheitsliste um zwei Spalten (Kommen und Gehen) ergänzt und trägt selbst ein, um einen Überblick zu haben. (Gerade dieser Kindergarten berichtet interessanterweise von recht geringem Mehraufwand).

Tür- und Angelgespräche sind nach wie vor möglich, das ist keine Frage der gebuchten Zeit oder so. Das ist eine Frage nach der Konzeption und des (gepflegten) Umgangs miteinander. Gerade der unverzichtbare Wert dieser Tür- und Angelgespräche, die ein persönliches Verhältnis zu den Familien und Wissen um Aktuelles garantieren, hat die Erzieherinnen bewogen, die Wochenbuchung mit flexiblen Zeiten zu favorisieren. Kommen Eltern gestaffelt und nicht alle auf einmal, hat man eher die Chance kurz das eine oder andere Wort zu wechseln. Diesen persönlichen Kontakt zu erhalten oder zu bekommen, ist ein wichtiges Ziel!

Da das ganze erst seit Januar läuft, kann man selbstverständlich noch keine generellen Aussagen machen. Und man muss auch bedenken, dass es sich um die Anfangszeit handelt und die Sache für alle Beteiligten neu ist.

Dass die neue Buchung aber insgesamt so ruhig anläuft, hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet.

Viele Grüße

Alexandra Röthlingshöfer



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