Fachkompetenz unerwünscht

von Sibylle Lust Arbeitsgemeinschaft sozialpädagogischer Berufsverbände und Gewerkschaften am 11. April 2002 um 12:38 Uhr

Kann man einen Kindergarten bauen, ohne einen Architekten einzubeziehen? Mit Sicherheit nicht. Kann man über
Qualitätsstandards in Kindergärten entscheiden ohne die dort engagierten Pädagoginnen? Ja, man kann, jedenfalls in Bayern.

Auch die PISA-Studie hat erneut gezeigt, welche Bedeutung der frühkindlichen Förderung zukommt. Seit langem fordern
Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen entschieden die fachliche Mitsprache auf allen Ebenen hinsichtlich der
Weiterentwicklung der Qualitätsinhalte und auch im Hinblick auf die Vorbereitung eines Dachgesetzes. Der laufende Versuch
zu einem neuen Finanzierungsmodell in Bayreuth und Landsberg sieht pädagogische Verbesserungen nicht vor.

Zu diesem Ergebnis kommen die Vertreter/innen organisierter Fachkräfte, die sich in der Arbeitsgemeinschaft der
sozialpädagogischen Berufsverbände und Gewerkschaften in Bayern (ASBG) zusammengeschlossen haben.

Seit Jahren kämpfen sie dafür, dass nicht nur Finanzen und Verwaltungsfragen, sondern pädagogische Inhalte und auch die
Arbeitsbedingungen bei den bisher recht einseitigen Reformbemühungen berücksichtigt werden.

Doch die gewählten Vertreter/innen von Fachkräften werden nicht ebenso paritätisch wie die Trägerverbände in die
entscheidenden Gremien und in die jetzt laufende Modellkommission aufgenommen. Spitzenverbände, Politiker und
Ministerien weigern sich beharrlich, die pädagogischen Leistungen im Kindergartenalltag bei den bisher immer noch
schwierigen Rahmenbedingungen zu würdigen. Erzieherinnen im Kindergarten werden behandelt, als gehörten sie zum
Inventar des Trägers, auch wenn man nach außen kundtut, sie hätten die Fäden in der Hand. Im Gegenteil. Überall da, wo
politische und offizielle Entscheidungen getroffen werden, sind Wissen und Erfahrung der Fachkräfte unerwünscht. Eher hört
man noch auf Eltern, obwohl diese nur im Interesse ihres einzelnen Kindes sprechen können und nur für kurze Zeit
Nutznießer des Kindergartens sind. Sie werden offenbar als Wahlvolk berücksichtigt.

Was Kinder verschiedenen Alters in Kindertageseinrichtungen brauchen würden, ist hinreichend nachgewiesen und
veröffentlicht worden. Die Mahnungen bleiben ungehört, von Umsetzung ist keine Rede.

Weitere energische Schritte in Richtung fachlicher Beteiligung müssen gegangen werden, um diesen undemokratischen und
fachlich unwürdigen Zustand zu beenden. Aber auch mehr politisches Bewusstsein unter den Kolleginnen in den Kindergärten
ist gefragt, so die Meinung der ASBG. Im Moment bleibt nur zu wünschen, dass das jetzt laufende Modell in der jetzigen
Struktur keine Basis bekommt und scheitern möge.

Diese Erklärung wurde in der ASBG-Sitzung am 23. März 2002 in Münschen verabschiedet.



Antwort
Name
Kurznachricht
Text