Fördermodell - Verfügungszeit - Auslastung am Nachmittag - Vergleich mit alter Förderung

von Röthlingshöfer, Fachberatung in Bayreuth am 21. Oktober 2002 um 17:14 Uhr
als Antwort zu: Finanzierungsmodell kontra Qualitätssicherung von A. Muck Kindergarten St. Bartholomäus Bergrheinfeld am 18. Oktober 2002 um 00:41 Uhr

Liebe Frau Muck,

Sie sprechen im Grunde das Problem Verfügungszeit und Auslastung an. Weil mir diese Fragen in meiner Praxis immer wieder begegnen, möchte ich hier an dieser Stelle etwas ausführlicher darauf eingehen. Ich verbinde damit auch die Hoffnung, die Diskussion etwas zu versachlichen. Meinen Blick als Fachberaterin richte ich immer auf den Vergleich "alte und neue" Finanzierung. Bei der Diskussion in den Foren fällt mir oft auf, wie wenig bekannt im Grunde die bisherige Förderung nach dem Kindergartengesetz ist. Bei der Verfügungszeit wird dies besonders deutlich.

Denn: Verfügungszeit ist nach Kiga.gesetz leider nur eine Kann-Bestimmung. Der Träger kann sie gewähren, muss aber nicht. Der Rahmen ist dabei genau definiert und auf bis zu 8,5 Stunden (bis zu 10 bei Leiterinnen) begrenzt. Beschränkt wird die Zeit zudem durch die Höchstgrenze der Personalkostenförderung von bis zu einer Fachkraft und einer 2.päd. Kraft pro Gruppe.

Problem zudem: fördertechnisch wird nicht unterschieden zwischen der von Ihnen beschriebenen Verfügungszeit zur Vorbereitung der Gruppe, Erziehungsplanung, Entwicklungsbögen führen, Dienstbesprechungen usw. und der Betreuung von Kindern in Randzeiten (auch das gilt als "Verfügungszeit"!). Ferner wird nicht unterschieden, ob Verfügungszeit während der Öffnungszeit oder außerhalb der Öffnungszeit (Betriebszeit/Auslastung spielt eine untergeordnete Rolle) gemacht wird.

Fördertechnisch im Sinne des Gesetzes bzw. der Durchführungsverordnungen und Verwaltungsrichtlinien ist Verfügungszeit die Zeit, die sich aus der Differenz zwischen den Förderfähigen Öffnungszeiten einer Gruppe (= die Zeit in einer Woche in der mind. 8 Kinder einer Gruppe anwesend sind - unabhängig von der Betriebszeit einer Einrichtung) und der wöchentlichen Arbeitszeit einer Erzieherin bzw. 2.päd. Kraft ergibt. (Siehe auch Erläuterungen zum Jahresplanungsbericht).

Beispiel aus der Förderpraxis des Kigagesetzes: von einer Gruppe mit 20 Kindern sind 8 Kinder 25 Stunden in der Woche anwesend, die anderen weniger. Die Einrichtung hat 41 Stunden geöffnet – die förderfähige Öffnungszeit beträgt jedoch lediglich 25. Die Ausschließlich die Förderfähige Zeit ist die Bemessungsgrundlage für die Personalkostenbezuschussung. Die Förderfähigen Personalstunden sind damit bei max. 32 Stunden für diese Gruppe je Fachkraft und je 2. päd. Kraft. Gefördert werden von Staat/Kommune bis 7 Stunden pro Woche als sog. Verfügungszeit.

Stellt der Träger die Kraft z. B. nur 25 Stunden an, ist dies rechtlich möglich, gefördert wird dann aber nur die tatsächlich angestellte Zeit (25 Stunden). Stellt der Träger z. B. eine 38,5 Stunden-Kraft an, so wird ihm bis 32 Stunden (25 Stunden Förderung nach förderfähiger Öffnungszeit zzgl. 7 Stunden Verfügungszeit= 32 Stunden/Woche) gefördert. Für den Rest von 6,5 Stunden/Woche bekäme der Träger keinen Personalkostenzuschuss. (Eigenfinanzierung).

Durch diese Definition von Verfügungszeit sowie die Begrenzung der Höchstförderung auf max. 38,5 Stunden pro Gruppe (in diesem Falle unabhängig von der Höhe der Förderfähigen Öffnungszeiten) gab es nach dem Kindergartengesetz in der Praxis extreme Unterschiede hinsichtlich der Qualität und Häufigkeit von Verfügungszeit. So gab es Einrichtungen mit praktisch keiner Verfügungszeit ohne anwesende Kinder und Tageseinrichtungen, in denen alle Mitarbeiterinnen bis zu 8,5 Stunden Verfügungszeit in der Woche ohne Kinder hatten.

Da bei dem Erprobungsmodell das bisher vorhandene Budget anders (nämlich nach Auslastung und den Faktoren) verteilt wird, ist in jedem Basiswert sozusagen ein Teil der Verfügungszeit aus allen Einrichtungen enthalten. Das Budget wurde also nicht gekürzt, sondern es wird anders verteilt und damit wird auch die Verfügungszeit „theoretisch sogar gleicher“ verteilt! Das künftig zu verteilende Budget ist in seiner Höhe jedoch noch nicht entgültig festgelegt und der Basiswert hinkt während der Erprobungsphase sowieso immer etwas der Realität hinterher. (Modellsituation!).

Nochmals: Verfügungszeit ist nicht weg, sondern es ist im Basiswert ein Durchschnittswert von Verfügungszeit, gebildet aus den vielfältigen Situationen aller Einrichtungen, vorhanden. Dieser Durchschnittswert wird nun gleichmäßig über den Basiswert verteilt, allerdings: je nach Anwesenheit und Gewichtungsfaktor differenziert.

Wie ausgeführt kam es durch die systembedingte ungleiche Verteilung der Verfügungszeit zu sehr verschiedenen Arbeitsbedingungen in den Einrichtungen. Bei der Erprobung gilt es nun zu testen, ob die neu verteilte Verfügungszeit in der Praxis für alle als Durchschnittswert reichen wird und ob sie tatsächlich zu mehr Gerechtigkeit und Verbesserung der Bildungschancen für Kinder führt und die erhoffte Entlastung für benachteiligte Einrichtungen bringt.

Zur Auslastung. In keinem unserer Modelleinrichtungen gibt es vormittags und nachmittags die gleiche Belegung. Dass nachmittags weniger Kinder da sind, ist ganz normal. So ist der Bedarf von Familien. Zu Personalabbau muss es deshalb nicht zwangsläufig kommen. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Belegung in unseren Kindergärten in der Stadt Bayreuth liegt bei etwa 6,0 Stunden (war bei der Ist-Stand- Erhebung in etwa genauso hoch) - allein das zeigt schon, dass nicht über 8 Stunden alle Kinder da sind und das gar nicht nötig ist, um sich wie bisher finanzieren zu können. Für eine Ganztagseinrichtung wird man aber wohl mit einer Belegung von mind. 5 - 6 Stunden, also mind. 25 - 30 Stunden/Woche Durchschnittsbelegung rechnen müssen.

Ich unterstütze Ihre Forderung, dass eine Personalkosten- bzw. Basiswertförderung ausreichend Zeit für sog. Verfügungszeit (Zeit für Vorbereitung, Elternarbeit, etc). beinhalten muss. Nur so ist die päd. Qualität zu sichern bzw. zu steigern. Verfügungszeit (f. Vor- und Nachbereitung der Arbeit, Management- und Verwaltungsaufgaben, Qualitätsentwicklung) muss es nun für alle Einrichtungen geben. Verfügungszeit darf daher nicht länger eine „Kann-bestimmung“ sein. Der Basiswert muss so gestaltet sein, dass er einen angemessenen Teil der Arbeitszeit als Verfügungszeit ermöglicht - je länger und je mehr Kinder betreut werden, desto mehr Verfügungszeit und Personalstunden! Es muss attraktiv sein, angemessene Rahmenbedingungen für päd. Arbeit zu bieten und das Gegenteil, wenn dies nicht das Fall ist. Das wäre ein wesentlicher Beitrag zu Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung!

Mit freundlichen Grüßen

Alexandra Röthlingshöfer



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