Drei Antworten

von Habla, StMAS am 01. Februar 2001 um 08:37 Uhr
als Antwort zu: Drei einfache Fragen... von Dr. Heidrun Kolinsky, Wissenschaftlerin am 27. Januar 2001 um 22:12 Uhr

Sehr geehrte Frau Dr. Kolinsky,

im Folgenden möchte ich Ihre drei Fragen vom 27.01.2001 beantworten:

1. Der von Ihnen genannte Quotient von 1: 16,6 beschreibt keinen Mindestpersonalschlüs-sel. Es handelt sich vielmehr um einen Mindestanstellungsschlüssel und damit um eine neue "Kennzahl" im Kindergartenbereich, der den "alten" Personal-Kind-Schlüssel ablöst. Der An-stellungsschlüssel errechnet sich aus dem Verhältnis der Gesamtzahl der Nutzungsstunden einer Einrichtung und der gesamten Arbeitszeit des pädagogischen Personals: Anstellungs-schlüssel = (Summe der täglichen Nutzungszeiten aller Kinder) / (Summe der Wochenar-beitszeit des gesamten pädagogischen Personals/ 5 Wochentage). In die Kennzahl einge-rechnet sind somit auch Verfügungsstunden; Kinder mit einem höherem pädagogischen oder pflegerischen Bedarf werden besonders gewichtet.

Richtig ist, dass der Wert von 1: 16,6 aus dem BayKiG abgeleitet ist. Bei Kindergärten mit 3, 5, 7 u.s.w. Gruppen errechnet sich bei einer Regelgruppengröße von 25 Kindern ein Perso-nal- Kind-Schlüssel von 1: 16,6. Die Interpretation des Mindestanstellungsschlüssels ist je-doch eine völlig andere. Der Zahlenwert von 1: 16,6 beschreibt erstmals eine Grenze, bei deren Überschreiten von einer Kindeswohlgefährdung ausgegangen wird. Dies bedeutet konkret: Einrichtungen, die diesen Schlüssel überschreiten, müssen mit Entziehung der Be-triebserlaubnis rechnen. Die staatliche Förderung wird eingestellt. Es handelt sich somit in Wirklichkeit nicht um eine Aufweichung der Qualitätskriterien, sondern insoweit um eine Ver-schärfung.

Der Mindestanstellungsschlüssel beschreibt daher alles andere als eine optimale, anstre-benswerte Personalsituation. Die Modellkommission hat bisher von einer Festlegung eines "optimalen Anstellungsschlüssels" abgesehen, weil hierzu entsprechende Richtwerte fehlten. Wir können nun erneut nach den Feststellungen in den Modellregionen in die Diskussion eintreten. Der Mittelwert liegt in den Modelleinrichtungen bei 1: 10. Die Einrichtungen sind jeweils ein gutes Stück von der Grenze zur Kindeswohlgefährdung entfernt. Ein Wert um 1:10 und günstiger indiziert, dass das pädagogische Personal zeitlich in der Lage ist, indivi-duell auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen und auch Schwerpunkte bei der Elternarbeit zu setzen. Bei wesentlicher Unterschreitung des Quotienten steigt jedoch die Gefahr unwirt-schaftlichen Handelns (Problem: Auslastung am Nachmittag). Ein Wert, der wesentlich über 1: 10 liegt, ist nach erster Auswertung des Zahlenmaterials ein verlässlicher Indikator dafür, dass das pädagogische Personal entlastet werden sollte.

Der Anstellungsschlüssel und andere Kennzahlen sollen künftig dem Träger helfen, die Situ-ation seines Kindergartens besser beurteilen und ggf. darauf reagieren zu können. Wir hal-ten es in diesem Zusammenhang nicht für erforderlich, dass der Staat über möglichst stren-ge und verbindliche Vorgaben eine Quasiqualität suggeriert. Die Methode von MQS ist eine andere und aus unserer Sicht eine wesentlich effektivere: Qualitätsdiskussion und Empfeh-lungen in Qualitätskommissionen; Stärkung der Elternrechte, Leistungsvereinbarung zwi-schen Träger und Kommunen; positiver Vergleichsdruck durch Transparenz der Angebote.


2. Das MQS-Modell schreibt keine Gruppenbildung vor. Dies ist Teil der Deregulation und damit der Stärkung der Eigenverantwortung der Träger. Die Gruppenbildung wurde de facto schon in vielen Einrichtungen abgeschafft. Immer mehr Kindergärten praktizieren eine innere Öffnung. Gruppen werden in der Praxis oftmals nur auf dem Papier gebildet, weil es das Förderrecht so will. MQS ermöglicht daher sowohl die offene Arbeit als auch die Bildung von Gruppen. Die Festlegung einer Höchstgruppenstärke macht deswegen wenig Sinn. Für aus-reichend halten wir eine einrichtungsbezogene Begrenzung der Kinderzahl sowie eine Min-dest -m²- Zahl pro Kind.

3. Im Zusammenhang mit der Entwicklung des MQS-Modells wurden eine Modellkommission auf Landesebene und je eine Arbeitsgemeinschaft in den Modellregionen ins Leben gerufen. Die Zusammensetzung kann unter dem Punkt "Qualitätskommissionen" dieser Internetseiten nachgelesen werden. Die Besetzung der Modellkommission erfolgte unter dem Gesichts-punkt, alle an der Finanzierung der Kindergärten beteiligten Gremien in die Entwicklung des neuen Konzeptes einzubinden. Die Besetzung der Kommissionen wurde bei den jeweiligen konstituierenden Sitzungen nach ausführlichen Diskussionen aller fachlichen Gesichtspunkte beschlossen. Modellkommission bzw. der Arbeitsgemeinschaften sind Teil des Modellver-suchs. Ihre Effektivität steht somit ebenfalls auf dem Prüfstand. Die Besetzung der Gremien ist nicht endgültig. Bei einer bayernweiten Einführung würden andere Interessengruppen mit berücksichtigt.

In Ihrem Beitrag "Kostenneutralität: Basiswertfestschreibung oder Förderetat-Budgetierung?" vom 27.01.2001 prophezeien Sie eine Abwärtsspirale, in der sich sukzessive die pädagogi-sche Qualität in der Betreuung unserer Kinder bei der Einführung des MQS-Modells ver-schlechtern muss. Diese düstere Prognose wird sich jedoch nicht bewahrheiten. Sicherlich wird das MQS-Modell bewirken, dass Träger die Organisationsstrukturen ihrer Einrichtungen zu optimieren versuchen. Das Sozialministerium unterstellt der Trägern jedoch nicht, dass sie diese Optimierung zu Lasten unserer Kinder und auf Kosten der pädagogischen Qualität vornehmen. Diese Optimierung wird auch nicht in einer Gleichschaltung (pädagogisch, strukturell, etc.) der Einrichtungen enden. Sie wird eine Ausgewogenheit des Personalein-satzes und der Nutzung durch die Kinder, individuell für jede Einrichtung zur Folge haben. Der Modellversuch wird dies zeigen. Warten wir ihn doch ab !

Mit freundlichen Grüßen


Dunkl




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