Kann eine marktorientierte Steuerung von Kindergärten als sozial gerecht bezeichnet werden?

von Dr. Heidrun Kolinsky, Wissenschaftlerin am 05. Februar 2001 um 14:39 Uhr

Nach dem Modell der marktorientierten Steuerung soll zukünftig der Elternbeitrag von der Anzahl der pro Kind benötigten Betreuungszeit in Kindergarten/-krippe/-hort abhängen sowie von der Preisgestaltung der jeweiligen Einrichtung.

Dort wo bisher (zumindestens im Bereich der Stadt Bayreuth eine einheitliche Entgeltregelung Ganztagsplatz mit und ohne Mittagsbetreuung) mit Familienbonus galt, sollen die Eltern zukünftig nach dem Motto "Zeit=Geld" den Elternbeitrag entrichten müssen. (Ein evtl. Familienbonus bleibt dem Träger überlassen sofern dieser über den entsprechenden finanziellen Spielraum verfügt und die dazugehörigen Einnahmenseinbußen bereit ist, in Kauf zu nehmen).

Das hat als direkte Folge, daß, wer eine längere Betreuung für seine Kinder benötigt, mehr bezahlen muß, als jemand, der seine Kinder nur wenige Stunden mehr aus sozialen Gründen, denn aus Notwendigkeit, in die Kindertagesstätte bringt.

Wer nur wenig Betreuung für sein Kind braucht, weil seine Familie z.B. in der wirtschaftlich günstigen Situation ist, daß der Mann soviel verdient, daß seine Frau nicht mitzuarbeiten braucht, hat nach dem neuen Modell einen finanziellen Vorteil mit dem neuen Modell gegenüber der bisherigen Regelung zu erwarten.

Dort, wo die Frau mitarbeiten muss, weil Ihre Verdienst zum Unterhalt der Familie dringend benötigt wird, steigt mit dem neuen Modell die finanzielle Belastung gegenüber dem bisherigen Beitragssystem an.

Nachteilig wirkt sich das Modell der marktorientierten Steuerung auf die sogenannten sozial Schwächeren unserer Gesellschaft aus:

- Dies sind die Mehrkindfamilien, weil zukünftig pro Kind und Stunde abgerechnet werden soll. (3 Kinder für 8 Stunden (beide müssen arbeiten) würden dann das 6-fache des Normalbeitrags von 1 der 4 Stunden des Einzelkindes aus gutbetuchter Familie kosten
byw. nach bisheriger Staffelungstabelle das 12-fache des 3-Stunden-Betrags).

- Sozial Schwächere sind oft auch Alleinerziehende, die während ihrer Arbeitszeit Kinderbetreuung brauchen und zukünftig pro Kind und Stunde zahlen sollen (2 Kinder und 6 Stunden ist gleich dem Dreifachen des 1-Kind-4-Stunden-Wertes und gleich dem Sechfachen des 1-Kind-3-Stunden-Wertes).

- Teilzeitarbeitende Mütter, die im wesentlichen Arbeiten, um in Kontakt mit ihrem erlernten Beruf zu bleiben, müssen zukünftig berechnen, ob sie sich aufgrund gestiegener Kinderbetreuungskosten ihren Beruf noch leisten können (6 Stunden = das Eineinhalbfache des 4 Stunden-Beitrags). Oder, wie es eine Bayreuther Mutter ausdrückte: "Sie können mich doch nicht fragen, wieviele Stunden ich buchen will, wenn Sie mir nicht gleichzeitig sagen, was es kosten wird..."

Fazit:
1. Das marktorientierte Steuermodell bedingt eine Aushebelung des bisherigen Subsidaritätsprinzips (Sozial- und finanziell Starke sollten die Schwächeren mittragen), über dessen Grundlage in unserer Gesellschaft bisher weitgehender gesellschaftliche Akzeptanz herrschte. Mit dem marktorientierten Steuermodell werden die sozial Schwachen mehr als bisher belastet.

2. Die Abrechnung pro Kind und Stunde verstärkt das Bewußtsein in der Bevölkerung und bei den Eltern, dass Kinder Kostenfaktoren sind: ein Kind mehr, kostet auch in der Betreuung dementsprechend mehr. Die Überlegung von Paaren, "wollen wir (noch) ein Kind?" wird mehr und mehr zu: "können wir uns (noch) ein Kind leisten?".

3. Die Bemühungen um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf von Müttern/Vätern, z.B. über Teilzeitarbeit, wird konterkarriert durch die mit der marktorientierten Steuerung auftretende Frage:
"Kann ich mir Teilzeitarbeit leisten oder ist sind die Kinderbetreuungskosten so hoch, dass ich besser ganz Zuhause bleibe?"

Heidrun Kolinsky



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