Ausländerkinder

von Michaela Winhart am 03. August 2000 um 10:15 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren,

als Leiterin einer städtischen Kindertagesstätte der LHS München verfolge ich die Diskussion über die Änderung der Förderrichtlinien mit großem Interesse.
Ein Thema liegt mir hierbei besonders am Herzen, nämlich die Überlegungen zur besonderen Gewichtung von unter 3-jährigen, behinderten und ausländischen Kindern. Der Grundgedanke, Kinder mit besonderem "Betreuungsaufwand" stärker zu fördern, ist klar und auch begrüßenswert.
Dennoch habe ich zur Definition "Ausländerkinder" kritische Anmerkungen.
Sie gehen offensichtlich davon aus, dass "ausländische Kinder" grundsätzlich einen Mehraufwand an Erziehungs- und Betreuungsaufwand erfordern. Ich plädiere hier für eine wesentlich differenziertere Sichtweise, da aus meiner langjährigen Praxiserfahrung in einem "ausländerreichen" Münchner Stadtteil eine derartige Definition in keiner Weise greift.
Das Spektrum reicht weit: es gibt Kinder mit Eltern, die zwar die deutsche Staatsbürgerschaft haben, aufgrund ihres individuellen Lebensschicksals aber große Integrationsprobleme, auch mit der Sprache haben. Sie tauchen trotz erheblichen Betreuungsaufwands nicht in einer Ausläner-Statistik auf. Andererseits - und das ist die große Mehrheit - gibt es die "statistischen" Ausländerkinder mit Eltern anderer Staatsbürgerschaften, die schon in der dritten Generation in Deutschland leben und keinerlei Integrationsschwierigkeiten haben. Und was ist mit den Kindern, die eine Doppelstaatsbürgerschaft haben?
Und von "Ausländern" einmal abgesehen: Was ist mit dem Betreuungsaufwand für Kinder aus deutschen Familien, die aber durch Lebenskrisen oder Armut ebenfalls schwer belastet sind und einer besonderen Unterstützung bedürfen?
Meine Befürchtung ist, dass die Definition "Ausländerkind" beliebig und willkürlich eingesetzt wird. Abgesehen von dem Stigma "Ausländerkinder sind Problemkinder" sehe ich, solange es keine eindeutige Definition über die tatsächlichen Faktoren eines erhöhten Betreuungsaufwandes gibt, keine "gerechte" Verteilung der vorhandenen Gelder.

Mit freundlichen Grüßen,

M. Winhart



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